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Timotheus Krajewski
07. November 2024
10 min

Die Modeindustrie kämpft mit ihrem Erbe: Jedes Jahr werden abertausende Tonnen Material aus Abfall und Überproduktion entsorgt. Aber es geht auch anders. An einem Dienstag treffe ich Jana Przibylla, um mich mit ihr über Mode und moderne Erscheinungen zu unterhalten. Die Masterstudentin ist überzeugt, dass der Weg zu einer nachhaltigen Modewelt bei jedem einzelnen Kleidungsstück beginnt. Seit mehreren Jahren befasst sie sich mit Upcycling und der sorgfältigen Verwertung von Materialien. Für sie bedeutet das nicht nur Ressourcen schonend zu denken, sondern auch, Werte und Charakter verleihen zu können; denn es geht um Verantwortung, genauso wie um Spaß an der Kreativität. Jana zeigt, wie ästhetisch verantwortungsbewusste Mode sein kann.
Ihre Projekte setzt Jana mit Stoffen um, die kurz davor stehen Abfall zu werden, oder wie sie sagt: „Materialien, die schon da sind“ – ob ausgediente Denim-Jeans aus Kooperationen mit Organisationen wie der RecyclingBörse! [1], oder ein gespendeter Heißluftballon der als Grundmaterial für ihr Masterprojekt dienen soll. „Ich schaue erst, was für mein Projekt benötigt wird. Und dann überlege ich, wie ich das möglichst müllsparend organisieren kann“, erklärt sie. Dazu zählt unter anderem das Aufbewahren von Verschnitt-Resten, um damit etwa andere Teile stopfen zu können.
[1} Seit 1984 gibt es den Arbeitskreis Recycling e.V., welcher die Initiative der RecyclingBörse! Ins Leben gerufen hat. Ursprünglich gestartet mir einem Gebrauchtmöbellager in Herford gibt es heute 5 Filialen der RecyclingBörse! In Ostwestfalen-Lippe verteilt, die Secondhand-Artikel und Workshops anbieten und sich für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung engagieren. (siehe: https://recyclingboerse.org/ )


Es geht nicht nur darum, Abfall zu reduzieren, sondern auch darum, die Einzigartigkeit und Ästhetik des ursprünglichen Teils zu erhalten. Denim ist dazu ein gutes Beispiel. Die Hosen können wie neuer Stoff großflächig genutzt werden, bieten Material an, das nicht aufwändig gepatcht werden muss. Andere Materialien stellen andere Herausforderungen. So etwa der Heißluftballon—oder auch die Fallschirme, die Jana im vergangenen Semester, in einem Kurs mit dem Titel „EXTREM“ zu einer Kollektion verarbeitete. Die grundsätzliche Struktur des Gewebes und die Vielzahl an vorab eingebrachten Ösen und Nähten verlangen kreative Lösungsansätze, die sich in die Anmutung des Endprodukts einfügen. Nach diesem Prinzip entscheidet die Studentin auch immer wieder, diese Elemente für ähnliche Aufgaben weiter zu benutzen. So wurden aus Schlaufen eines Fallschirms beispielsweise die Gürtelschlaufen am Hosenbund eines Stücks. Es geht darum, möglichst viel von dem, was schon da ist, zu nutzen.
Doch das ist oft leichter gesagt als getan. Viele der Materialien bringen spezifische Schwierigkeiten mit, wie etwa Denim mit Elastan, das je nach Elastan-Anteil von minderer Qualität ist. Für Jana bedeutet das eine Möglichkeit, ihr Können und ihren kreativen Prozess weiterzuentwickeln.
Sie geht methodisch vor: Das Ursprungsmaterial nimmt sie genau unter die Lupe, um sich einen Überblick über dessen Besonderheiten zu verschaffen. Diese speziellen Eigenschaften integriert sie mit Geschick in das Design und verleiht ihnen neue Funktionen, die über das übliche Erscheinungsbild eines Kleidungsstücks hinausgehen. Daraufhin entscheidet sie, welche Verarbeitungsmethoden für ihr Projekt am sinnvollsten sind. Auf diese Weise nutzt sie vorhandene Elemente als stilprägende Komponenten.
Man möchte meist davon ausgehen, dass das nachhaltige[re] Verhalten davon bestimmt wäre, auf Dinge, die einem Komfort bieten, verzichten zu müssen. Diese Annahme wird auch im Kontext jeglicher Gestaltung als Argument vorgebracht—Fehlschläge wie manche das nennen.


Auf die Frage hin, ob Jana schon Momente erlebt hat, in denen sie die Herangehensweise an ein Projekt nochmal komplett von vorne beginnen musste, oder ob ihr Anspruch an die Nachhaltigkeit ihrer Arbeiten mal ins Kreuzfeuer mit der gewünschten Ästhetik geraten ist, antwortet sie erst nach kurzem Zögern mit: „Nicht, dass ich wüsste. Bis jetzt hat das immer gut funktioniert.“ Sie erzählt, dass es manchmal eng wird, wenn sie mit begrenzter Stoffmenge arbeitet, aber dass sie mit Stolz behaupten kann, immer eine Lösung gefunden zu haben. In ihren Augen liegt diese Erfolgsquote an der Flexibilität, mit der sie ein Projekt angeht. Immer noch eine Tür offen haben, um umdisponieren zu können. Als einen zweiten Faktor identifiziert sie ihre Schnitt-Methode. „Es wäre cool, gar keinen Verschnitt zu haben“, sagt Jana, doch wo Menschen und nicht hoch-präzisierte Maschinen arbeiten, wird tendenziell etwas mehr übrigbleiben. Besonders zu Beginn eines Projektes spielt das Bewusstsein für die Mengen und das Übrigbleiben von Material eine Rolle. „Ich denke den Überfluss mit“, denn gerade bei der Arbeit mit limitiertem Material ist jeder Quadratzentimeter von absolutem Wert.

Wir sprechen also auch darüber, was Mode und Material wert sind und woher die Vorstellungen dazu kommen. Unabhängig des Kontexts gilt: Alles was [da] ist, ist wertvoll. Das gerät oft in Vergessenheit, wenn Objekte aller Art als Wegwerfprodukt gehandhabt werden – mit dem Wissen um die Ersetzbarkeit leidet die achtsame Umgangsweise. „Wertverlust entsteht, wenn wir uns nicht mehr darum kümmern, woher etwas kommt und was damit passiert ist“, erklärt Jana. Aus diesem Grund schätzt sie den Prozess des Upcyclings als eine Möglichkeit, den ursprünglichen Wert eines Stoffes neu zu interpretieren, zu erweitern und zu beleben. Dieser Prozess ist schließlich auch eine Form der Wertschätzung.
Mode wird oft sehr oberflächlich betrachtet – reduziert auf Preis und aktuelle ‚Trendiness‘ wird weniger darauf geachtet, welche eigentlichen Qualitäten in einem Kleidungsstück stecken können. Jana beschreibt ihren Ansatz als eine Art Umkehr dieses Denkens. Anstatt nach dem Geldwert, fragt sie nach den Funktionen und Bedeutungen, sucht nach ideellen Werten, die sie adaptieren und integrieren kann. Die Ansprüche an diesen Kommunikationsprozess scheinen bei ihr untrennbar mit Handwerk als auch einem Verständnis von ‚Wert‘ verknüpft zu sein. Dabei gehe es nicht nur um Umweltbewusstsein, Moral oder Eigenverantwortung, sondern auch um eine Form von Geduld und Leidenschaft.
Jedes Material bringt eine Geschichte mit und das erlaubt einen Dialog zwischen der Designerin, dem Kleidungsstück und dessen Vergangenheit. Auch außerhalb der Schneiderei ist Jana jeglicher Austausch von großer Bedeutung. Neben dem Studium ist sie in der Wissenswerkstadt [2] und dem Community Atelier [3] aktiv, betreut dort Workshops und Aktivitäten und fungiert als Ansprechpartnerin für Besucher:innen. Dort beobachtet sie, welche Möglichkeiten andere Leute neu lernen, sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Im selben Atemzug bieten diese Momente auch die Chance mehr Raum für andere zu schaffen. „Dass man sieht, wie diese Welt [des selbst Machens] geöffnet und zugänglich wird“, empfindet sie als besonderen Gewinn der Arbeit.
Jedes Material bringt eine Geschichte mit und das erlaubt einen Dialog zwischen der Designerin, dem Kleidungsstück und dessen Vergangenheit. Auch außerhalb der Schneiderei ist Jana jeglicher Austausch von großer Bedeutung. Neben dem Studium ist sie in der Wissenswerkstadt [2] und dem Community Atelier [3] aktiv, betreut dort Workshops und Aktivitäten und fungiert als Ansprechpartnerin für Besucher:innen. Dort beobachtet sie, welche Möglichkeiten andere Leute neu lernen, sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Im selben Atemzug bieten diese Momente auch die Chance mehr Raum für andere zu schaffen. „Dass man sieht, wie diese Welt [des selbst Machens] geöffnet und zugänglich wird“, empfindet sie als besonderen Gewinn der Arbeit.
[2} Die Wissenswerkstadt ist ein Projekt der Stadt Bielefeld, mit welchem ein Ort zum Ausprobieren und Lernen ins Leben gerufen wurde. „Wir sind eine ‚Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Stadtgesellschaft und Tourismus‘.“ (siehe: https://wissenswerkstadt.de/)
[3} Das Community Atelier ist ein Raum zur Begegnung und zum austauschen über kreatives Arbeiten mit Textilien. Das Projekt wurde 2023 vom „Afrika Wakati“ Verein ins Leben gerufen. (siehe: https://www.afrikawakati. org/portfolio/community-atelier-2023–2026/ )

Im Community Atelier finden sich Menschen ein, die zunächst oft etwas Kleines reparieren wollen. Einmal auf den Geschmack gekommen fangen die meisten an sich mehr zu trauen und auszuprobieren, sodass deren Skills immer umfangreicher werden. Zugleich geraten die Anwesenden immer mehr in den Austausch und bringen einander ihre verschiedenen Fähigkeiten näher.
Ein Stichwort, das fällt ist „Skill-Sharing“, also das Teilen von Wissen und Können. Das meiste Handwerk lernt man nicht bloß theoretisch, viele Tricks und Kniffe muss man sich in mühseliger Arbeit aus immer wieder gemachten Fehlern aneignen. Da geht es natürlich etwas schneller, wenn man jemanden zur Seite hat, der:die das bereits gemacht hat und einen an die Hand nehmen kann. „Wenn wir diese Art Wissen nicht miteinander teilen, wird es sie irgendwann nicht mehr geben“, so eine Befürchtung.
Teilen ist allgemein von großer Bedeutung. Jana erzählt unter anderem vom Teilhaben an Tauschbörsen und ‑gruppen, gemeinschaftlicher Nutzung und den Erfahrungen mit dem Leihen und Ausleihen. Sie sieht besonders an Orten wie der Wissenswerkstadt absolute Rücksicht walten und empfindet das als Beispiel dafür, dass es Orte für Aktivitäten und Ausprobieren geben muss. Wenn es darum geht jemandem etwas auszuleihen, sind Viele noch skeptisch: Man traut der anderen Person nicht zu, achtsam mit dem Eigentum umzugehen. Allerdings beobachtet Jana: Das ist ganz anders, wenn es um Gemeingüter geht. Herrscht kollektive Einigkeit darüber, dass ein Gegenstand nicht einer Person gehört, sondern für alle Beteiligten gleichermaßen zur Verfügung steht, folgt daraus auch ein Konsens über die pflegliche Nutzung. Zudem ist Besitztum nichts Leichtes—im Gegenteil. Mit steigenden Lebenshaltungskosten und weniger Platz wird das Aufrechterhalten von zeit- und sinnfüllender Lebensführung immer schwieriger, sofern diese an “Dinge” geknüpft sind. Würde diese Form des Teilens (Gemeingut) häufiger praktiziert, würden sich die Möglichkeiten der Lebens- und Freizeitgestaltung ganz neu entfalten.


Ein Beispiel: In einem Mehrparteienhaus gibt es einen Kellerraum, in dem verschiedenste Werkzeuge aufzufinden sind. Im Haus steht es allen Bewohner:innen frei diese zu benutzen um beispielsweise Möbel auf- oder umzubauen, Reparaturen durchzuführen oder gleich etwas komplett selbst zu gestalten, ohne dass Neuanschaffungskosten für Arbeitszubehör entstehen. Die Schwelle zum Ausprobieren und Dazu-Lernen wäre viel geringer und mehr Leuten wäre die Teilhabe möglich.
Wonach soll man aber entscheiden, welche „Dinge“ man selbst besitzen sollte und welche ‚zum Teilen gemacht‘ sind? Für sich selbst erörtert Jana diese Entscheidung anhand von zwei Grundsätzen: wie notwendig ist [das Teil] für mich und macht es mich auf lange Sicht glücklich? Auch die Überlegung, ob ein zu ersetzendes Teil tatsächlich ‚aufgebraucht‘ ist, gehört dazu. „Früher war ich schon eine eifrige Konsumentin. Aber ich rücke davon immer weiter ab“, gibt sie zu.
Nicht nur die Ansprüche, sondern auch der Leistungsdruck sind hoch. Die Erwartungen ans Schaffen spitzen sich zu und lassen kaum Freiraum für sinnstiftendes; Pausen werden zu einem Luxusgut. Damit hat auch die Modestudentin schon zu kämpfen gehabt. Ihr allererstes Projekt hat sie komplett zuhause aufbereitet und umgesetzt. Auch in mehreren Jahren ihres WG-Lebens nähte sie drei Kollektionen auf kleinem Raum. „Die Arbeit hat mich immer umgeben. Ich bin nachts aufgewacht, weil ich mir selbst damit solchen Druck gemacht habe“, erzählt sie. Man möchte kaum glauben wie viel Platz ein Kleidungsstück einnimmt, wenn es erstmal auseinander gebaut ist— „Der Platz [im Raum und im Kopf] wird dann irgendwann das Hauptproblem.“
Das Platzproblem löst Jana durch die verstärkte Nutzung der Arbeitsräume und Werkstätten der Hochschule. Dieser Ortswechsel bringt frischen Wind für Projekte und Visionen und erlaubt eine klarere Sicht auf eigene und fremde Bedürfnisse. Hier ist sie umgeben von Kommiliton:innen, mit denen sie sich austauschen kann. Der soziale Rückhalt belebt und das Schaffen ist mit mehr Wohlgefühl verbunden. Aus dieser Erfahrung heraus sagt die Designerin: „Ich wünsche mir, dass die Leute öfter zusammenkommen und einander mehr Vertrauen schenken.“
