Hannah Sophie Zebisch | 28. Mai 2025 | Lesezeit 6 min

Als ich ein junges Mädchen war, saß meine Mutter mit ihrer Nähmaschine im Wohnzimmer und nähte mein Faschingskostüm. Auf der Feier war ich überzeugt die coolste Gitarristin zu sein, weil dieses Kostüm einzigartig war. Heute liegt es als Erinnerung in einem Koffer auf dem Dachboden, trotzdem würde ich nicht einmal daran denken es abzugeben. Dabei geht es mir nicht um das Stück Stoff, vielmehr ist es das erste von mir mitdesignte Kleidungsstück und stellt damit eine emotionale Erinnerung an meine Kindheit dar. In ihm steckt Mut, eine uneingeschränkte Vorstellungskraft und die Liebe meiner Mutter.
Vielleicht waren es jene Momente, die in mir die Leidenschaft für Mode entfacht haben. Doch die Realität traf mich hart, als ich begann mich mit der Modebranche auseinanderzusetzen. In einer Welt, in der Mode zu einem unbeschreiblichen Überfluss und immer schneller, weiter produziert wird, entstehen Wäscheberge, Textilabfälle, Kleiderwüsten, überfüllte Altkleiderboxen und eine enorme Umweltbelastung. Mit dieser riesigen Schattenseite der Modeindustrie würde ich mich nicht identifizieren wollen – im Gegenteil. Die kreativen Menschen um mich herum verhalfen mir bei der Einsicht, dass ich nicht Teil des Problems sein muss, sondern zur Lösung gehören kann.
Online-Umfrage
In einer von mir erstellten Onlineumfrage, die sich mit dem Bewusstsein unseres Kleidungkonsums beschäftigt, untersuchte ich die Wertigkeit der Kleidung als Spiegelbild des Konsumverhaltens.
Die Umfrage war über einen Zeitraum von drei Wochen abrufbar und hat insgesamt 48 Befragungen aufzeichnen können. Ungeachtet der Altersgruppe, des Berufsfeldes und der sozialen Schicht war das Ziel, die Selbstreflexion des eigenen Kleidungskonsums und die damit verbundene Wertigkeit des Besitzes herauszufiltern, um das Nachdenken über Nachhaltigkeit aktiv anzuregen.
Auswertung
Bereits bevor die tatsächlichen Ergebnisse vorlagen, erreichten mich mehrfach dieselben Rückmeldungen: „Zählen Socken als einzelnes Kleidungsstück?“ oder „Ich weiß nicht wie viele Kleidungsstücke ich besitze, die zähle ich ja nicht.“ Die Frage mochte schwer nachvollziehbar sein, sie unterliegt aber genau diesem Denkprozess. Nach einem logischen Wochenablauf brauchen wir sieben Unterhosen, vierzehn einzelne Socken, eine bis maximal zwei Hosen, ungefähr drei T‑Shirts und ein bis zwei Pullover, dazu eine Jacke. Würde man sich also grob an dieser Rechnung orientieren, hätte man einen ziemlich genauen Überblick darüber, wie viel Kleidung man besitzt. Paradoxerweise begreifen Menschen alles Mögliche in Zahlen: Wie viel Geld habe ich dabei, in wie viele Stücke teile ich den Kuchen, wie viel hat der letzte Einkauf gekostet, wie viele Sammelstücke habe ich von diesem oder jenem? Obwohl wir täglich mehrfach mit Kleidung in Berührung kommen, bleibt uns der genaue Überblick in dieser Hinsicht aus. Anzunehmen, man könne sich die Anzahl der eigenen Kleidung logisch erschließen, erfordert die Voraussetzung einen bewussten Konsum auszuüben.
Doch ob und welche Kleidung wir besitzen, hat schon lange nichts mehr damit zu tun, was wir tatsächlich benötigen. Die Entscheidung darüber beruht auf einem Empfinden und somit einer gefühlten Wirklichkeit, anstatt der logischen Entscheidung, ob wir tatsächlich neue Kleidung benötigen oder sie nur wollen. Kleidung nachhaltig zu begreifen ist also im ersten Schritt dann möglich, wenn das Konsumverhalten auf Logik beruht. Dass Logik und Realität weit auseinander liegen, zeigt sich in den Umfrageergebnissen deutlich an der Frage, ob man behaupten würde mehr Kleidung zu besitzen, als man tatsächlich trägt, denn 89.59 % aller Befragten gaben die Antwort „Ja“ an.
Ein Trick meinerseits, um nicht alles haben zu wollen ist es, weniger Platz zu machen und dadurch nicht mehr alles haben zu können. Allein ein kleinerer Kleiderschrank kann Mittel zum Zweck für bewussten Konsum sein. Auf der Website eines Möbelhauses habe ich einen deutlich kleineren, durchschnittlichen Kleiderschrank entworfen und einen, der mehr als das doppelte Volumen bietet. 40.43 % bevorzugten letztere Variante, 59.57 % den Kleineren.
Ich kann mich selbst nicht davon ausschließen, mehr zu haben als ich benötige. Vielleicht haben wir einen Pullover in blau, aber vielleicht noch nicht in schwarz und heute ist er Ausdruck eines selbstbewussten, knallig-fröhlichen Lebensstils und morgen der eines unbedeutsamen Empfindens.
Der Besitz eines Kleidungsstückes führt auf einen grundlegend schönen Gedanken zurück, sich so sehr mit einem Design identifizieren zu können, dass man es an sich trägt. Näher kann man einem Menschen mit seinen Kreationen kaum kommen. Mehr als die Hälfte der Befragten (67.31 %) gaben an, sich schnell für neue Kleidung begeistern zu können – die Frage ist, handelt es sich um eine rosarote Brille oder ist es „wahre Liebe“. Kleidung kann und soll Freude bereiten, und Nachhaltigkeit bedeutet weder im Kartoffelsack herumzulaufen noch auf alles verzichten zu müssen. Es geht lediglich darum, sich bewusst zu machen, wie lange man sich an etwas erfreuen kann.
Als zukünftige Designerin sehe ich eine Chance darin, über Kleidungsstücke allumfassend so aufzuklären, dass sie im Prozess, der Qualität und dem Design verstanden werden, um die Begeisterung langfristig aufrechtzuerhalten.
Wenn ich an das kleine Mädchen zurückdenke, das die Einzigartigkeit eines Kleidungsstückes in so jungen Jahren begriffen hat, bin ich überzeugt, dass wir alle in der Lage sind, einen Bezug zu unserer Kleidung aufzubauen. Zum anderen gaben 72.92 % an, ihr Lieblingskleidungsstück mit einem besonderen Anlass, einer Person oder einem Ort zu verbinden. Konsument:innen sind demnach ebenso in der Lage einem Kleidungsstück eine Bedeutsamkeit zuzuschreiben. Was passiert, wenn wir Kleidung wieder einen Wert geben, der mit unserer Geschichte zu tun hat? Verbindet dich das Kleidungsstück mit einer guten Freundin, die dich beim Einkauf begleitet? Ist es die Zeit des Studiums oder der Ort, der für dich in besonderer Erinnerung bleiben soll? Verbindest du jedes Kleidungsstück mit einer solchen Erinnerung, was passiert dann an dem Tag, an dem du überlegst, dieses Kleidungsstück wegzugeben? Das schlechte Gewissen, das 47,94 % nach dem Kauf angaben, basiert mit Sicherheit größtenteils auf Impulskäufen, die ebenso wenig einen persönlichen Bezug darstellen, wie sie auf Logik beruhen, denn dann gäbe es keinen weiteren Grund ein schlechtes Gewissen zu haben.
Dass Kleidung langlebig sein kann, beweist die Auswertung, dass das älteste Kleidungsstück von 22,92 % der befragten Personen zwischen sechs bis zehn Jahre alt ist, bei 60,42 % ist es sogar über ein Jahrzehnt alt. Außerdem gab die Hälfte (55,10%) der Befragten an, dass es ihnen eher schwer fallen würde sich von Kleidung zu trennen. Das heißt auch, mehr als die Hälfte aller Befragten haben einen Anhaltspunkt für nachhaltiges Verhalten. Eine entscheidende Überlegung ist: was passiert dann? Der Umfrage nach zufolge, landen 50 % in Altkleiderboxen – eine schnelle Möglichkeit Kleidung „guten Gewissens“ loszuwerden. In Wahrheit ein großer Trugschluss [1].
[1} Eine Dokumentation zu Kleidermüll, die hier als Referenz genutzt wird: https://youtu.be/i‑vekk-EYkI?si=sWv6o8n3Xzk7AFqV
2,08 % werfen sie tatsächlich weg. 35,42 % geben sie an Freunde und Familie weiter und 12,50 % verkaufen sie weiter.
71,43 % aller Befragten behaupten, ihr Kaufverhalten hinsichtlich des Materials, Anzahl der Kleidungsstücke, Langlebigkeit und Nutzenfaktor sei nachhaltig – danke, dass du eine liebevolle Beziehung zu deiner Kleidung führst!
Hannah Sophie Zebisch
28. Mai 2025
Lesedauer 6 min

Als ich ein junges Mädchen war, saß meine Mutter mit ihrer Nähmaschine im Wohnzimmer und nähte mein Faschingskostüm. Auf der Feier war ich überzeugt die coolste Gitarristin zu sein, weil dieses Kostüm einzigartig war. Heute liegt es als Erinnerung in einem Koffer auf dem Dachboden, trotzdem würde ich nicht einmal daran denken es abzugeben. Dabei geht es mir nicht um das Stück Stoff, vielmehr ist es das erste von mir mitdesignte Kleidungsstück und stellt damit eine emotionale Erinnerung an meine Kindheit dar. In ihm steckt Mut, eine uneingeschränkte Vorstellungskraft und die Liebe meiner Mutter.
Vielleicht waren es jene Momente, die in mir die Leidenschaft für Mode entfacht haben. Doch die Realität traf mich hart, als ich begann mich mit der Modebranche auseinanderzusetzen. In einer Welt, in der Mode zu einem unbeschreiblichen Überfluss und immer schneller, weiter produziert wird, entstehen Wäscheberge, Textilabfälle, Kleiderwüsten, überfüllte Altkleiderboxen und eine enorme Umweltbelastung. Mit dieser riesigen Schattenseite der Modeindustrie würde ich mich nicht identifizieren wollen – im Gegenteil. Die kreativen Menschen um mich herum verhalfen mir bei der Einsicht, dass ich nicht Teil des Problems sein muss, sondern zur Lösung gehören kann.
Online-Umfrage
In einer von mir erstellten Onlineumfrage, die sich mit dem Bewusstsein unseres Kleidungkonsums beschäftigt, untersuchte ich die Wertigkeit der Kleidung als Spiegelbild des Konsumverhaltens.
Die Umfrage war über einen Zeitraum von drei Wochen abrufbar und hat insgesamt 48 Befragungen aufzeichnen können. Ungeachtet der Altersgruppe, des Berufsfeldes und der sozialen Schicht war das Ziel, die Selbstreflexion des eigenen Kleidungskonsums und die damit verbundene Wertigkeit des Besitzes herauszufiltern, um das Nachdenken über Nachhaltigkeit aktiv anzuregen.
Auswertung
Bereits bevor die tatsächlichen Ergebnisse vorlagen, erreichten mich mehrfach dieselben Rückmeldungen: „Zählen Socken als einzelnes Kleidungsstück?“ oder „Ich weiß nicht wie viele Kleidungsstücke ich besitze, die zähle ich ja nicht.“ Die Frage mochte schwer nachvollziehbar sein, sie unterliegt aber genau diesem Denkprozess. Nach einem logischen Wochenablauf brauchen wir sieben Unterhosen, vierzehn einzelne Socken, eine bis maximal zwei Hosen, ungefähr drei T‑Shirts und ein bis zwei Pullover, dazu eine Jacke. Würde man sich also grob an dieser Rechnung orientieren, hätte man einen ziemlich genauen Überblick darüber, wie viel Kleidung man besitzt. Paradoxerweise begreifen Menschen alles Mögliche in Zahlen: Wie viel Geld habe ich dabei, in wie viele Stücke teile ich den Kuchen, wie viel hat der letzte Einkauf gekostet, wie viele Sammelstücke habe ich von diesem oder jenem? Obwohl wir täglich mehrfach mit Kleidung in Berührung kommen, bleibt uns der genaue Überblick in dieser Hinsicht aus. Anzunehmen, man könne sich die Anzahl der eigenen Kleidung logisch erschließen, erfordert die Voraussetzung einen bewussten Konsum auszuüben.
Doch ob und welche Kleidung wir besitzen, hat schon lange nichts mehr damit zu tun, was wir tatsächlich benötigen. Die Entscheidung darüber beruht auf einem Empfinden und somit einer gefühlten Wirklichkeit, anstatt der logischen Entscheidung, ob wir tatsächlich neue Kleidung benötigen oder sie nur wollen. Kleidung nachhaltig zu begreifen ist also im ersten Schritt dann möglich, wenn das Konsumverhalten auf Logik beruht. Dass Logik und Realität weit auseinander liegen, zeigt sich in den Umfrageergebnissen deutlich an der Frage, ob man behaupten würde mehr Kleidung zu besitzen, als man tatsächlich trägt, denn 89.59 % aller Befragten gaben die Antwort „Ja“ an.
Ein Trick meinerseits, um nicht alles haben zu wollen ist es, weniger Platz zu machen und dadurch nicht mehr alles haben zu können. Allein ein kleinerer Kleiderschrank kann Mittel zum Zweck für bewussten Konsum sein. Auf der Website eines Möbelhauses habe ich einen deutlich kleineren, durchschnittlichen Kleiderschrank entworfen und einen, der mehr als das doppelte Volumen bietet. 40.43 % bevorzugten letztere Variante, 59.57 % den Kleineren.
Ich kann mich selbst nicht davon ausschließen, mehr zu haben als ich benötige. Vielleicht haben wir einen Pullover in blau, aber vielleicht noch nicht in schwarz und heute ist er Ausdruck eines selbstbewussten, knallig-fröhlichen Lebensstils und morgen der eines unbedeutsamen Empfindens.
Der Besitz eines Kleidungsstückes führt auf einen grundlegend schönen Gedanken zurück, sich so sehr mit einem Design identifizieren zu können, dass man es an sich trägt. Näher kann man einem Menschen mit seinen Kreationen kaum kommen. Mehr als die Hälfte der Befragten (67.31 %) gaben an, sich schnell für neue Kleidung begeistern zu können – die Frage ist, handelt es sich um eine rosarote Brille oder ist es „wahre Liebe“. Kleidung kann und soll Freude bereiten, und Nachhaltigkeit bedeutet weder im Kartoffelsack herumzulaufen noch auf alles verzichten zu müssen. Es geht lediglich darum, sich bewusst zu machen, wie lange man sich an etwas erfreuen kann.
Als zukünftige Designerin sehe ich eine Chance darin, über Kleidungsstücke allumfassend so aufzuklären, dass sie im Prozess, der Qualität und dem Design verstanden werden, um die Begeisterung langfristig aufrechtzuerhalten.
Wenn ich an das kleine Mädchen zurückdenke, das die Einzigartigkeit eines Kleidungsstückes in so jungen Jahren begriffen hat, bin ich überzeugt, dass wir alle in der Lage sind, einen Bezug zu unserer Kleidung aufzubauen. Zum anderen gaben 72.92 % an, ihr Lieblingskleidungsstück mit einem besonderen Anlass, einer Person oder einem Ort zu verbinden. Konsument:innen sind demnach ebenso in der Lage einem Kleidungsstück eine Bedeutsamkeit zuzuschreiben. Was passiert, wenn wir Kleidung wieder einen Wert geben, der mit unserer Geschichte zu tun hat? Verbindet dich das Kleidungsstück mit einer guten Freundin, die dich beim Einkauf begleitet? Ist es die Zeit des Studiums oder der Ort, der für dich in besonderer Erinnerung bleiben soll? Verbindest du jedes Kleidungsstück mit einer solchen Erinnerung, was passiert dann an dem Tag, an dem du überlegst, dieses Kleidungsstück wegzugeben? Das schlechte Gewissen, das 47,94 % nach dem Kauf angaben, basiert mit Sicherheit größtenteils auf Impulskäufen, die ebenso wenig einen persönlichen Bezug darstellen, wie sie auf Logik beruhen, denn dann gäbe es keinen weiteren Grund ein schlechtes Gewissen zu haben.
Dass Kleidung langlebig sein kann, beweist die Auswertung, dass das älteste Kleidungsstück von 22,92 % der befragten Personen zwischen sechs bis zehn Jahre alt ist, bei 60,42 % ist es sogar über ein Jahrzehnt alt. Außerdem gab die Hälfte (55,10%) der Befragten an, dass es ihnen eher schwer fallen würde sich von Kleidung zu trennen. Das heißt auch, mehr als die Hälfte aller Befragten haben einen Anhaltspunkt für nachhaltiges Verhalten. Eine entscheidende Überlegung ist: was passiert dann? Der Umfrage nach zufolge, landen 50 % in Altkleiderboxen – eine schnelle Möglichkeit Kleidung „guten Gewissens“ loszuwerden. In Wahrheit ein großer Trugschluss [1].
[1} Eine Dokumentation zu Kleidermüll, die hier als Referenz genutzt wird: https://youtu.be/i‑vekk-EYkI?si=sWv6o8n3Xzk7AFqV
2,08 % werfen sie tatsächlich weg. 35,42 % geben sie an Freunde und Familie weiter und 12,50 % verkaufen sie weiter.
71,43 % aller Befragten behaupten, ihr Kaufverhalten hinsichtlich des Materials, Anzahl der Kleidungsstücke, Langlebigkeit und Nutzenfaktor sei nachhaltig – danke, dass du eine liebevolle Beziehung zu deiner Kleidung führst!