Chris Mooshammer | 09. Mai 2026 | Lesedauer 12 min

Christian Mooshammer nähert sich in seinem fotografischen Langzeitprojekt der komplexen Wechselwirkung zwischen Mensch und Wald mit einem tiefgehenden, analytischen Blick. Im Zentrum steht die Region des Holzlandes und des Bayerischen Waldes, zwei Landschaften, die sich in ihrer Nutzung und ihrer Geschichte stark unterscheiden: Während das Holzland seit Jahrhunderten eine vom Menschen geformte Forstlandschaft ist, bleibt der Bayerische Wald als Nationalpark weitgehend sich selbst überlassen.
Mooshammer interessiert sich für die Spuren dieser Eingriffe – für die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen, die die Beziehung zwischen Natur und menschlichem Handeln hinterlässt. Dabei verweist er auch auf größere gesellschaftliche Fragen: Wer hat Zugang zu Natur? Wem „gehört“ der Raum? Und was passiert, wenn wirtschaftliche Notwendigkeit und Naturschutz aufeinandertreffen? Mooshammers Projekt versteht sich als visuelle Reflexion über Bewahrung und Wandel, über menschlichen Einfluss und natürliche Resilienz – eine fotografische Suche nach dem Verhältnis zwischen Eingriff und Selbstüberlassung.
Das Holzland ist Mooshammers Heimat. Die Hügel, die Wälder, die Dörfer – sie waren Kulisse seiner Kindheit und Jugend. Durch seine tiefe Verwurzelung in der Region, insbesondere durch seine Verbindung zur örtlichen Vereinskultur, fällt ihm der Zugang leicht. „Ich wusste sofort, wo ich anfangen kann,“ erzählt er. Doch genau diese Vertrautheit birgt auch eine Herausforderung: Wie lässt sich ein Ort, den man so gut kennt, mit neuen Augen sehen?
Der Bayerische Wald hingegen ist für ihn lange Zeit ein Rätsel geblieben. Als er zum ersten Mal den „Woid“, wie er von den Einheimischen genannt wird, besuchte, erlebte er eine Welt, die sich von der seines Heimatorts spürbar unterschied. „Die Menschen dort wirkten auf mich verschlossen und skeptisch,“ erinnert er sich. Auch die Landschaft hatte für ihn etwas Mystisches, Unnahbares – eine Qualität, die er bis heute in seinen Porträts spürt.
„Dieses Gefühl von Distanz reizt mich,“ sagt er. „Gerade in intimen Porträtsituationen spüre ich, dass ich mich dem Ort annähern muss. Ich bin dort immer Gast – und genau das macht die Begegnung so spannend.“
Offensichtlich ist die Auseinandersetzung für Mooshammer mehr als nur eine Gegenüberstellung von bewirtschafteter und unberührter Natur. Es ist eine persönliche Spurensuche, ein Versuch, die Beziehung zwischen Mensch und Wald, Vergangenheit und Gegenwart zu erfassen. „Je länger ich mich mit diesen Orten beschäftige, desto mehr verschwimmt die klare Trennung zwischen ihnen“, sagt Mooshammer. „Es geht mir weniger um harte Kontraste als um das Fließende, das Verbindende.“

Für Mooshammer beginnt jedes neue Projekt nicht mit der Kamera, sondern mit dem bewussten Erleben. „Die Kamera bleibt anfangs oft zu Hause,“ erklärt er. „Ich gehe zuerst mit offenen Augen und einem unvoreingenommenen Blick los.“
Es ist ein Prozess des Ankommens und Verstehens. Welche Geschichten erzählen diese Orte? Welche Begegnungen ergeben sich? Oft sind es Zufälle, die ihn leiten – ein Gespräch am Waldrand, ein plötzlich aufziehender Nebel, das Licht, das sich in einer bestimmten Weise durch die Baumkronen bricht. Erst wenn er spürt, dass sich eine Geschichte formt, greift er zur Kamera.
„Ich lasse mich anfangs sehr gerne einfach treiben und reagiere auf das, was ich sehe, ohne zu viel im Voraus zu planen. Ab einem bestimmten Punkt aber schreibe ich gerne eine Liste mit sehr unterschiedlichen aber konkreten Motivideen, die mir dabei helfen könnte, die Geschichte, wie ich sie gerne erzählen würde, fotografisch zu übersetzen. Es ist wirklich wahnsinnig projektbezogen. Es entsteht aber immer irgendwann ein Gefühl von Zusammenhängen, selbst wenn ich das nicht bewusst steuere.“

Der Wald hat in Deutschland eine tief verwurzelte kulturelle Bedeutung – von den Romantikern bis hin zur modernen Umweltbewegung. Gleichzeitig ist er ein wirtschaftlich genutzter Raum, geprägt von Monokulturen wie Fichtenplantagen, die anfällig für Klimawandel und Schädlingsbefall (z. B. Borkenkäfer) sind. Der Strukturwandel der Forstwirtschaft zeigt, wie stark menschliche Eingriffe die Natur formen.
„Dieses Projekt ist der Versuch, die Wechselwirkungen zu erfassen, vom Lokalen ins Weite,“ sagt Mooshammer. „Es geht um die Verbindung zwischen Mensch und Wald, um das, was bleibt, und das, was sich verändert.“
Fotografisch setzt er diese Kontraste bewusst ein, aber nicht als harte Trennung, sondern als dialogische Bewegung. Seine Bilder sollen nicht nur dokumentieren, sondern ein Gefühl transportieren – von Verbundenheit, von Wandel, von der Fragilität dieser Landschaften.
„Im Holzland fließt die Beziehung zwischen Mensch und Wald klar durch die Jahrhunderte: der Wald gibt, der Mensch nimmt. Dies ist natürlich eine sehr rabiate Art und Weise, mit der Umwelt umzugehen. Auch, wenn sie sich letztendlich weitestgehend durchgesetzt hat. Im Bayerischen Wald hingegen finden wir ein seit den 70ern vom Menschen „unberührtes“ Waldgebiet, ein Urwald, der in Europa seines gleichen sucht.“

Mooshammer sieht Landschaft nicht als statisches Motiv, sondern als Spiegel wirtschaftlicher, politischer und sozialer Prozesse. Selbst die scheinbar unberührten Wälder des Nationalparks „Bayerischer Wald“ tragen Spuren menschlicher Entscheidungen. „Ein leerstehendes Bauernhaus, eine gerodete Fläche, ein Weg, der ins Nichts führt – das sind alles Zeichen von Veränderung,“ sagt er.
Sein Ziel ist es, die Geschichten dieser Orte sichtbar zu machen, ohne sie zu sehr zu steuern. Seine fotografische Handschrift bleibt dokumentarisch, aber mit einer poetischen Offenheit. „Ich mag es, wenn ein Projekt wie eine lose Sammlung von Gedichten funktioniert – die Verbindung ist nicht immer offensichtlich, sondern intuitiv.“
Mit „Oh, Holzland“ kehrt Mooshammer an einen Ort zurück, den er längst kennt – und entdeckt ihn doch neu. Es ist eine Reise durch Erinnerungen, durch Landschaften, durch die feinen Linien zwischen Mensch und Natur. Eine Erkundung dessen, was bleibt, wenn man den Blick lange genug ruhen lässt.

Credits
Fotos: Chris Mooshammer
Text: Chris Mooshammer
Christian Mooshammer
09. Mai 2026
Lesedauer 12 min

Christian Mooshammer nähert sich in seinem fotografischen Langzeitprojekt der komplexen Wechselwirkung zwischen Mensch und Wald mit einem tiefgehenden, analytischen Blick. Im Zentrum steht die Region des Holzlandes und des Bayerischen Waldes, zwei Landschaften, die sich in ihrer Nutzung und ihrer Geschichte stark unterscheiden: Während das Holzland seit Jahrhunderten eine vom Menschen geformte Forstlandschaft ist, bleibt der Bayerische Wald als Nationalpark weitgehend sich selbst überlassen.
Mooshammer interessiert sich für die Spuren dieser Eingriffe – für die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen, die die Beziehung zwischen Natur und menschlichem Handeln hinterlässt. Dabei verweist er auch auf größere gesellschaftliche Fragen: Wer hat Zugang zu Natur? Wem „gehört“ der Raum? Und was passiert, wenn wirtschaftliche Notwendigkeit und Naturschutz aufeinandertreffen? Mooshammers Projekt versteht sich als visuelle Reflexion über Bewahrung und Wandel, über menschlichen Einfluss und natürliche Resilienz – eine fotografische Suche nach dem Verhältnis zwischen Eingriff und Selbstüberlassung.

Für Mooshammer beginnt jedes neue Projekt nicht mit der Kamera, sondern mit dem bewussten Erleben. „Die Kamera bleibt anfangs oft zu Hause,“ erklärt er. „Ich gehe zuerst mit offenen Augen und einem unvoreingenommenen Blick los.“
Es ist ein Prozess des Ankommens und Verstehens. Welche Geschichten erzählen diese Orte? Welche Begegnungen ergeben sich? Oft sind es Zufälle, die ihn leiten – ein Gespräch am Waldrand, ein plötzlich aufziehender Nebel, das Licht, das sich in einer bestimmten Weise durch die Baumkronen bricht. Erst wenn er spürt, dass sich eine Geschichte formt, greift er zur Kamera.
„Ich lasse mich anfangs sehr gerne einfach treiben und reagiere auf das, was ich sehe, ohne zu viel im Voraus zu planen. Ab einem bestimmten Punkt aber schreibe ich gerne eine Liste mit sehr unterschiedlichen aber konkreten Motivideen, die mir dabei helfen könnte, die Geschichte, wie ich sie gerne erzählen würde, fotografisch zu übersetzen. Es ist wirklich wahnsinnig projektbezogen. Es entsteht aber immer irgendwann ein Gefühl von Zusammenhängen, selbst wenn ich das nicht bewusst steuere.“

Der Wald hat in Deutschland eine tief verwurzelte kulturelle Bedeutung – von den Romantikern bis hin zur modernen Umweltbewegung. Gleichzeitig ist er ein wirtschaftlich genutzter Raum, geprägt von Monokulturen wie Fichtenplantagen, die anfällig für Klimawandel und Schädlingsbefall (z. B. Borkenkäfer) sind. Der Strukturwandel der Forstwirtschaft zeigt, wie stark menschliche Eingriffe die Natur formen.
„Dieses Projekt ist der Versuch, die Wechselwirkungen zu erfassen, vom Lokalen ins Weite,“ sagt Mooshammer. „Es geht um die Verbindung zwischen Mensch und Wald, um das, was bleibt, und das, was sich verändert.“
Fotografisch setzt er diese Kontraste bewusst ein, aber nicht als harte Trennung, sondern als dialogische Bewegung. Seine Bilder sollen nicht nur dokumentieren, sondern ein Gefühl transportieren – von Verbundenheit, von Wandel, von der Fragilität dieser Landschaften.
„Im Holzland fließt die Beziehung zwischen Mensch und Wald klar durch die Jahrhunderte: der Wald gibt, der Mensch nimmt. Dies ist natürlich eine sehr rabiate Art und Weise, mit der Umwelt umzugehen. Auch, wenn sie sich letztendlich weitestgehend durchgesetzt hat. Im Bayerischen Wald hingegen finden wir ein seit den 70ern vom Menschen „unberührtes“ Waldgebiet, ein Urwald, der in Europa seines gleichen sucht.“

Mooshammer sieht Landschaft nicht als statisches Motiv, sondern als Spiegel wirtschaftlicher, politischer und sozialer Prozesse. Selbst die scheinbar unberührten Wälder des Nationalparks „Bayerischer Wald“ tragen Spuren menschlicher Entscheidungen. „Ein leerstehendes Bauernhaus, eine gerodete Fläche, ein Weg, der ins Nichts führt – das sind alles Zeichen von Veränderung,“ sagt er.
Sein Ziel ist es, die Geschichten dieser Orte sichtbar zu machen, ohne sie zu sehr zu steuern. Seine fotografische Handschrift bleibt dokumentarisch, aber mit einer poetischen Offenheit. „Ich mag es, wenn ein Projekt wie eine lose Sammlung von Gedichten funktioniert – die Verbindung ist nicht immer offensichtlich, sondern intuitiv.“
Mit „Oh, Holzland“ kehrt Mooshammer an einen Ort zurück, den er längst kennt – und entdeckt ihn doch neu. Es ist eine Reise durch Erinnerungen, durch Landschaften, durch die feinen Linien zwischen Mensch und Natur. Eine Erkundung dessen, was bleibt, wenn man den Blick lange genug ruhen lässt.

Credits
Fotos: Chris Mooshammer
Text: Chris Mooshammer