Timotheus Krajewski | 22. Oktober 2024 | 6 min
Das Mode-Atelier Nou.Niss besteht aus den Gründerinnen Faraaz Sedaghati und Jutta Meisen, sowie den Materialspenden und dem sozialen Miteinander. Die Idee ist: gemeinsam möglichst wenig [textilen] Müll zu verursachen. Beschädigte Woll-Kleidung soll hier neue Chancen bekommen, indem sichtbare Reparaturen vorgenommen werden, oder das Material für neue Teile verwendet wird. Nach dem Made-to-order Prinzip bietet Nou.Niss getragener und geliebter Kleidung ein neues Leben.
Das Unternehmen existiert bereits seit zwei Jahren. Ihr kleines Atelier in Nähe der Innen- und Altstadt gibt es dafür erst seit Mai. In dem halben Jahr, das die beiden dort nun verbracht haben, haben sich einige Kund:innen auch schon mehrmals bei ihnen eingefunden. Jutta erzählt, dass die ein oder andere Person auch nur für den Austausch kommt, um über das Thema Nachhaltigkeit ins Gespräch zu kommen.
Auch die Reparaturen erzählen ihre eigenen Geschichten. Bevor sie ein Ladenlokal mieteten, haben die Designerinnen ihre Philosophie primär über Workshops vermittelt. Dort sind sie mit verschiedensten Formen und Zuständen von gern und viel getragener Kleidung in Kontakt gekommen und logischerweise auch mit deren Besitzer:innen und ihren Vorstellungen von Ästhetik. In diesen Workshops freut Faraaz sich darüber, wie viel Kommunikation auch zwischen den Teilnehmer:innen stattfindet.

Was die beiden studierten Modedesignerinnen über den gesellschaftlichen Umgang mit Nachhaltigkeit gelernt haben: Viele können noch nicht genug damit anfangen. Und diejenigen, die es können, haben das meist schon in der Kindheit gelernt. Aber auch zwischen verschiedenen Generationen beobachten die beiden Unterschiede. Die Jüngeren erreichen sie hauptsächlich über die Workshops mit Schulklassen. Jutta merkt an, dass dort kritischere Fragen gestellt werden, aber dass es auch eine spürbare Begeisterung für die individuelle Gestaltung gibt. „Als ich Schülerin war, war das gar kein Thema – außer vielleicht bei Goths und Punks“, erzählt sie. Auch die sozialen Medien haben ihre Fingerabdrücke auf diesem Wunsch nach Ausdruck hinterlassen und könnten unterstützend dabei fungieren, einen eigenen Stil zu finden.
Im Gegensatz neigen Erwachsene [über 40] eher dazu, Nou.Niss als eine Marke zu sehen, statt eines Nachhaltigkeitsunternehmens. Gleich bleibt, egal mit wem die beiden in Kontakt kommen: Das Interesse ist da.

Der Repair Day soll die Schwelle zum nachhaltigen Denken noch etwas niedriger gestalten, in der Hoffnung, dass so mehr Menschen angesprochen werden und der Gedanke damit größer werden kann. Denn es braucht Bewusstsein für den Wandel und die Tatkraft diesen mitzugestalten – ob in Gemeinschaft oder durch eigene Initiative.
Ins Leben gerufen wurde der Aktionstag 2017 von Organisationen wie der Repair Café Foundation und dem Restart Project. An einem festen Tag im Jahr soll das Bewusstsein für Kreislaufwirtschaft und Ressourcen-schonenden Konsum gefördert werden und damit auch das soziale Miteinander, Reparaturfähigkeiten sowie Achtsamkeit gegenüber Mensch und Material.
Für die beiden Designerinnen gehört die Bildung klar zu ihrem Dienstleistungsbereich dazu. Auf meine Frage, ob das Handwerk der Reparatur ausstirbt, antworten die beiden etwas schwermütig mit Ja und Faraaz betont: „Die Idee, Dinge zu reparieren stirbt mit. Das Wegwerfen ist immer das Erste; es wird nur noch im Ersetzen gedacht.“
Die Teile, die Nou.Niss am häufigsten zu Gesicht bekommen, sind Lieblinge, die durch ihren Gebrauch ein paar Spuren davongetragen haben. Oft haben diese Kleidungsstücke schon ein längeres Leben hinter sich, sind in Vergessenheit geraten und sollen wieder belebt werden.
Besonders Trends laden dazu ein, ein höheres Konsumverhalten an den Tag zu legen. Die Welle des Secondhand-Kaufens gehört dazu. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass auch der Secondhand-Kauf eine Form des Konsums ist und diesen möglicherweise noch befeuert. Man kauft tendenziell mehr, entlastet das eigene Gewissen aber durch das ‚nicht neu‘ – am Ende bleibt man aber auf dieser Version des Über-konsumierens genauso sitzen. Auch die Qualität bleibt mitunter ein Manko, denn gebrauchte Kleidung ist nicht automatisch bessere. „Ich habe auch ein paar solcher Teile, und sie lasten an meinem Gewissen“, gibt Faraaz zu. Diese Erfahrung ist allerdings eben die, mit der man beginnen kann. „Dann muss man das [Stück] verarbeiten. Da fängt dann die Bildungsarbeit an“, so Jutta.
Diese Aussage bringt die Philosophie von Nou.Niss auf den Punkt. Es geht nicht nur darum, alte Kleidung noch einen Moment länger tragen zu können, sondern auch darum, den Dingen eine tiefere Bedeutung zu verleihen, indem man sich mit ihnen beschäftigt.
Die bewusste Entscheidung, sowohl sichtbare als auch unsichtbare Reparaturen vorzunehmen, zeigt deutlich, dass man den Gebrauch des Teils zelebriert. Visible mending ist gleichermaßen ästhetische Entscheidung, wie auch ein Statement gegen die Wegwerfmentalität. Es fordert dazu auf, die eigene Beziehung zu Kleidung zu überdenken und sie als etwas zu betrachten, das Langlebigkeit verdient, pflegens- und schätzenswert ist.
Jutta und Faraaz sind der festen Überzeugung, dass genau darin eine große Chance liegt: den Trends die Stirn zu bieten, in Form eines achtsamen Konsumverhaltens. Reparatur ist mehr als eine praktikable Notwendigkeit; sie ist ein Weg sich kreativ auszudrücken und gleichzeitig positiven Einfluss in der Gesellschaft für die Umwelt zu nehmen. Kleidung wird länger tragbar und persönlicher. Selbst Hand anzulegen, Zeit, Bedacht und Arbeit zu investieren macht aus einem Stück Kleidung mehr als ein Konsumgut.
Genau das ist es, was die beiden mit ihrem Atelier in Bielefeld erreichen wollen: Einen Ort, der Kleidung achtsam wertschätzt. Damit verbunden sind die Vision und der Wunsch nach einer Zukunft, in der Nachhaltigkeit über ein häufig diskutiertes Konzept hinaus zu einer gelebten Realität wird, in der alltägliche Entscheidungen auch das Gefühl einer tatsächlichen Veränderung beherbergen.

Credits
Fotos: Timotheus Krajewski, Negin Kasbi
Text: Timotheus Krajewski
Website: nou-niss.de
Instagram: @nou.niss_reanimated.fashion
Foto: Negin Kasbi
Timotheus Krajewski
22. Oktober 2024
6 min
Das Mode-Atelier Nou.Niss besteht aus den Gründerinnen Faraaz Sedaghati und Jutta Meisen, sowie den Materialspenden und dem sozialen Miteinander. Die Idee ist: gemeinsam möglichst wenig [textilen] Müll zu verursachen. Beschädigte Woll-Kleidung soll hier neue Chancen bekommen, indem sichtbare Reparaturen vorgenommen werden, oder das Material für neue Teile verwendet wird. Nach dem Made-to-order Prinzip bietet Nou.Niss getragener und geliebter Kleidung ein neues Leben.
Das Unternehmen existiert bereits seit zwei Jahren. Ihr kleines Atelier in Nähe der Innen- und Altstadt gibt es dafür erst seit Mai. In dem halben Jahr, das die beiden dort nun verbracht haben, haben sich einige Kund:innen auch schon mehrmals bei ihnen eingefunden. Jutta erzählt, dass die ein oder andere Person auch nur für den Austausch kommt, um über das Thema Nachhaltigkeit ins Gespräch zu kommen.
Auch die Reparaturen erzählen ihre eigenen Geschichten. Bevor sie ein Ladenlokal mieteten, haben die Designerinnen ihre Philosophie primär über Workshops vermittelt. Dort sind sie mit verschiedensten Formen und Zuständen von gern und viel getragener Kleidung in Kontakt gekommen und logischerweise auch mit deren Besitzer:innen und ihren Vorstellungen von Ästhetik. In diesen Workshops freut Faraaz sich darüber, wie viel Kommunikation auch zwischen den Teilnehmer:innen stattfindet.

Was die beiden studierten Modedesignerinnen über den gesellschaftlichen Umgang mit Nachhaltigkeit gelernt haben: Viele können noch nicht genug damit anfangen. Und diejenigen, die es können, haben das meist schon in der Kindheit gelernt. Aber auch zwischen verschiedenen Generationen beobachten die beiden Unterschiede. Die Jüngeren erreichen sie hauptsächlich über die Workshops mit Schulklassen. Jutta merkt an, dass dort kritischere Fragen gestellt werden, aber dass es auch eine spürbare Begeisterung für die individuelle Gestaltung gibt. „Als ich Schülerin war, war das gar kein Thema – außer vielleicht bei Goths und Punks“, erzählt sie. Auch die sozialen Medien haben ihre Fingerabdrücke auf diesem Wunsch nach Ausdruck hinterlassen und könnten unterstützend dabei fungieren, einen eigenen Stil zu finden.
Im Gegensatz neigen Erwachsene [über 40] eher dazu, Nou.Niss als eine Marke zu sehen, statt eines Nachhaltigkeitsunternehmens. Gleich bleibt, egal mit wem die beiden in Kontakt kommen: Das Interesse ist da.

Der Repair Day soll die Schwelle zum nachhaltigen Denken noch etwas niedriger gestalten, in der Hoffnung, dass so mehr Menschen angesprochen werden und der Gedanke damit größer werden kann. Denn es braucht Bewusstsein für den Wandel und die Tatkraft diesen mitzugestalten – ob in Gemeinschaft oder durch eigene Initiative.
Ins Leben gerufen wurde der Aktionstag 2017 von Organisationen wie der Repair Café Foundation und dem Restart Project. An einem festen Tag im Jahr soll das Bewusstsein für Kreislaufwirtschaft und Ressourcen-schonenden Konsum gefördert werden und damit auch das soziale Miteinander, Reparaturfähigkeiten sowie Achtsamkeit gegenüber Mensch und Material.
Für die beiden Designerinnen gehört die Bildung klar zu ihrem Dienstleistungsbereich dazu. Auf meine Frage, ob das Handwerk der Reparatur ausstirbt, antworten die beiden etwas schwermütig mit Ja und Faraaz betont: „Die Idee, Dinge zu reparieren stirbt mit. Das Wegwerfen ist immer das Erste; es wird nur noch im Ersetzen gedacht.“
Die Teile, die Nou.Niss am häufigsten zu Gesicht bekommen, sind Lieblinge, die durch ihren Gebrauch ein paar Spuren davongetragen haben. Oft haben diese Kleidungsstücke schon ein längeres Leben hinter sich, sind in Vergessenheit geraten und sollen wieder belebt werden.
Besonders Trends laden dazu ein, ein höheres Konsumverhalten an den Tag zu legen. Die Welle des Secondhand-Kaufens gehört dazu. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass auch der Secondhand-Kauf eine Form des Konsums ist und diesen möglicherweise noch befeuert. Man kauft tendenziell mehr, entlastet das eigene Gewissen aber durch das ‚nicht neu‘ – am Ende bleibt man aber auf dieser Version des Über-konsumierens genauso sitzen. Auch die Qualität bleibt mitunter ein Manko, denn gebrauchte Kleidung ist nicht automatisch bessere. „Ich habe auch ein paar solcher Teile, und sie lasten an meinem Gewissen“, gibt Faraaz zu. Diese Erfahrung ist allerdings eben die, mit der man beginnen kann. „Dann muss man das [Stück] verarbeiten. Da fängt dann die Bildungsarbeit an“, so Jutta.
Diese Aussage bringt die Philosophie von Nou.Niss auf den Punkt. Es geht nicht nur darum, alte Kleidung noch einen Moment länger tragen zu können, sondern auch darum, den Dingen eine tiefere Bedeutung zu verleihen, indem man sich mit ihnen beschäftigt.
Die bewusste Entscheidung, sowohl sichtbare als auch unsichtbare Reparaturen vorzunehmen, zeigt deutlich, dass man den Gebrauch des Teils zelebriert. Visible mending ist gleichermaßen ästhetische Entscheidung, wie auch ein Statement gegen die Wegwerfmentalität. Es fordert dazu auf, die eigene Beziehung zu Kleidung zu überdenken und sie als etwas zu betrachten, das Langlebigkeit verdient, pflegens- und schätzenswert ist.
Jutta und Faraaz sind der festen Überzeugung, dass genau darin eine große Chance liegt: den Trends die Stirn zu bieten, in Form eines achtsamen Konsumverhaltens. Reparatur ist mehr als eine praktikable Notwendigkeit; sie ist ein Weg sich kreativ auszudrücken und gleichzeitig positiven Einfluss in der Gesellschaft für die Umwelt zu nehmen. Kleidung wird länger tragbar und persönlicher. Selbst Hand anzulegen, Zeit, Bedacht und Arbeit zu investieren macht aus einem Stück Kleidung mehr als ein Konsumgut.
Genau das ist es, was die beiden mit ihrem Atelier in Bielefeld erreichen wollen: Einen Ort, der Kleidung achtsam wertschätzt. Damit verbunden sind die Vision und der Wunsch nach einer Zukunft, in der Nachhaltigkeit über ein häufig diskutiertes Konzept hinaus zu einer gelebten Realität wird, in der alltägliche Entscheidungen auch das Gefühl einer tatsächlichen Veränderung beherbergen.

Credits
Fotos: Timotheus Krajewski, Negin Kasbi
Text: Timotheus Krajewski
Website: nou-niss.de
Instagram: @nou.niss_reanimated.fashion
Foto: Negin Kasbi