
Carin Haggeney 09.01.2025
Vorwort
In der Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit, komme ich immer wieder auf den Fokus Konsum zurück. Bewusst zu leben und meinen Besitz zu reduzieren interessiert mich schon einige Jahre. Ich setze mich häufig mit dem Minimalismus auseinander. Leider bringen der Begriff Minimalismus und die damit verbundene Lebensweise mittlerweile viele negative Konnotationen mit sich. Deswegen möchte ich meine Auffassung davon an dieser Stelle einmal deutlich machen: Für mich bedeutet Minimalismus, bewusst zu Leben. Wenn ich meinen Besitz reduziere, bedeutet es für mich mehr Leichtigkeit in meinem Leben und einen bewussten und nachhaltigen Lebens-Konsum. Der Minimalismus gibt mir Impulse, immer wieder über meine Lebensweise nachzudenken, zu überprüfen, was ich wirklich brauche und für die Dinge, die ich besitze, dankbar zu sein. Dadurch habe ich einen ganz anderen Bezug zu den Dingen, die mich umgeben. Sie haben alle einen gewissen Wert und fühlen sich für mich daher nicht wie eine Last an, sondern unterstützen mich positiv in meinem Leben. Über die Autorin Marie Kondō und ihr System der Konmari-Methode, konnte ich meinen Besitz schon stark reduzieren. Sie hat mich dazu inspiriert, genau hinzuschauen und mal hinein zu spüren, was mir wirklich wichtig ist. Mit dem Minimalismus ist das Thema Nachhaltigkeit eng verstrickt. Durch die reduzierten Besitztümer achtet man wie automatisch auf eine Langlebigkeit der Dinge, die man besitzt, also Qualität über Quantität. Darüber bin ich wiederum auf das Prinzip der Capsule Wardrobe gestoßen. Ich bin immer noch auf dem Weg zu einem bewussten und reduzierten Leben und ich denke das wird auch ein ständiger Prozess bleiben. Genau das finde ich aber sehr inspirierend daran. Man bleibt dabei, die eigene Lebensweise und den Konsum stetig zu hinterfragen, anzupassen und zu reduzieren. Mir ist bewusst, dass es ein Privileg ist, einen Lebensstandard zu haben, wo auf Nachhaltigkeit geachtet werden kann. Wichtig ist die Erkenntnis, dass wir bei uns selbst anfangen können, um die Massenproduktion und Überkonsum unserer Gesellschaft vielleicht doch irgendwann in eine bewusste und menschliche Richtung lenken können. Aus einer ähnlichen Sichtweise hat Xenia Bund ihre Brand Bund.Lab gegründet, in dem sie nachhaltige Strickmode auf Anfrage produziert. Ich habe Xenia ein paar Fragen zu ihrer nachhaltigen Brand und ihrer Vision dahinter gestellt – mit inspirierendem Ergebnis.

Interview Gespräch – Nachhaltige Mode
mit Xenia Bund von Bund.Lab
Carin: Wir fangen einfach mal ganz vorne an. Was hat dich dazu inspiriert, deine eigene nachhaltige Brand zu gründen?
Xenia: Wie [im Vorgespräch] erwähnt habe ich einen Strickworkshop in der Hochschule gemacht. Dabei habe ich gemerkt, wie befriedigend und schön es ist, noch einen Schritt vorher anzufangen bei der Kreation von Kleidung. Und zwar dadurch, den Stoff selbst herzustellen, den man dann weiterverarbeitet. Also nicht Oberstoffmaterial zu kaufen oder aus Secondhand Teilen etwas zu entnehmen, sondern das ganze Gewebe herzustellen. Somit kann man in dem Schritt vorher schon die Vorarbeit und Entscheidungen treffen, sodass man so wenig Verschnitt wie möglich hat. Also dass man wirklich nur das Stück strickt, was auch weiterverarbeitet wird. Es gibt kaum Abfälle und das fand ich schon so super interessant. Du hast zwei Stücke gestrickt, zwei Quadrate, hast die an vier Stellen zusammengenäht und konntest das tragen. Und ich fand dieses Gewebe was dabei entstanden ist, auch einfach haptisch so schön anzufassen. Ich meine, Strick ist, glaube ich, für viele Leute so ein Wohlfühlmaterial. Das trägt man dann zu Hause, wenn man so rum-lounged oder wenn es kalt wird und man es sich gemütlich macht oder eben im Sommer aus leichtem Material. Genau deswegen ist das Strickmaterial so super toll, weil es so vielseitig ist. Es muss eben nicht nur Wintermode sein, wie in vielen Fällen angenommen wird. Man kann es eben auch für Sommerkleidung nutzen, weil die Maschen, wenn man gröber strickt, sehr luftdurchlässig sind. Es sieht einfach toll aus und man hat direkt etwas sehr Hochwertiges kreiert. In Handarbeit ist es ja oft so, dass wenn irgendwas aus einem hundertprozentigen Hand Arbeitsprozess entsteht, die Sachen hochwertiger aussehen. Ich glaube, das hat mich dann direkt motiviert Strickkleidung zu entwerfen. Nachdem ich die ersten Fotos davon gemacht habe, ist es tatsächlich super schnell passiert, dass Freund:innen nach den Sachen gefragt haben. Nicht mal eine Woche nach dem Strickworkshop habe ich dann Strickkleidung gemacht und schon angefangen sie zu verkaufen.
Carin: Wow, das klingt toll!
Xenia: Ja, das war wirklich krass. Wirklich viele Leute waren direkt sehr begeistert von den Teilen, die ich gemacht habe. Für mich hat sich das auch total schön angefühlt, das so widergespiegelt zu bekommen.
Das ist auch so gewesen, wie ich sowieso schon gearbeitet habe, in jeglicher Art des Schaffens. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich nicht für etwas Mühe oder Ressourcen verschwende, was nachher gar keinen Nutzen mehr hat. Das hat sich für mich schon immer super falsch angefühlt, irgendwas dafür zu machen, dass es dann in die Tonne kommt oder irgendwo im Keller landet. Aus dem Grund achte ich immer darauf, sehr tragbare Kleidung zu machen, die eine Nutzbarkeit hat.
Carin: Das finde ich richtig schön, dass du da immer drauf achtest, dass deine Mode ressourcenschonend ist. Gerade in Bezug auf nachhaltige Mode ist es natürlich noch besser, wenn die ihre Funktion erfüllt und einfach ein angenehmes Tragegefühl gibt. Dazu würde mich noch sehr interessieren, woher du deine Materialien für die Strickprojekte gewinnst oder bekommst?
Xenia: Also die erste Materialcharge, die habe ich glücklicherweise von einer Frau, die ihren Wollladen aufgelöst hat. Auch wieder so ein Zufall, der mir zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Sie musste ihren Laden Ende des Jahres schließen und ihr komplettes Lager räumen. Ich habe dann für einen gewissen Betrag Wolle gekauft. Zusätzlich mit dem Kauf der Strickmaschine war das dann natürlich auch erstmal eine Investition. Das war alles nachhaltig gewonnene Wolle, also entweder recycelte Wolle oder Wolle, die in Italien auf einer Biofarm gewonnen wird. Alles super hochwertige Materialien, woran ich mich jetzt auch noch halte. Jetzt suche ich meine Wolle ausgewählt nach der Farbe, die ich mir gut vorstellen kann, auf Ebay oder irgendwelchen Zweite-Hand-Verkäufen.
Meine Garne sind alle aus 100 % Naturstoff, Naturfaser und das ist mir auch am allerwichtigsten, weil ich persönlich auch keine Klamotten tragen möchte, wo viel Plastik drin ist und deswegen auch nicht produzieren möchte. Das fühlt sich auch ganz anders an auf der Haut und macht einfach aus dem Grund Sinn, dass ich möchte, dass die Kleidung wirklich in jeder Lebenslage nutzbar sein kann. Damals wurden zum Beispiel tatsächlich Badeanzüge gestrickt. Stricksachen sind gut, um darin zu schwitzen. Sie können gut nass werden und direkt wieder trocknen und sind luftdurchlässig.

Carin: Mega! Ich finde auch, dass es einem nochmal ein ganz anderes Gefühl gibt, wenn man etwas Natürliches auf der Haut trägt und nicht irgendetwas aus Plastik.
Xenia: Ja, also finde ich persönlich auf jeden Fall. Ich glaube, dass das auch immer mehr Leute merken, was viel zu lange nicht hinterfragt wurde. So etwas wie: Aus was besteht eigentlich meine Kleidung? Was trage ich da? Wo kommt das her? Das sind alles solche Fragen, die wir uns jetzt nach und nach immer mehr stellen und immer wichtiger werden.
Also ich hoffe, dass ich da bisher in eine gute Richtung gegangen bin oder auf einem guten Weg bin, es gibt natürlich auch sehr viel Greenwashing. Gerade in diesen Textilfirmen oder in Wollfabriken, die recycelte Wolle herstellen. Da muss man sich dran Erinnern, dass es bei einer so hohen Nachfrage an recycelten Materialien momentan, noch gar nicht so viele Fabrikationen für Recycling geben kann. Das ist ein sehr neuer Trend und die Industrie ist sehr auf Zack, die wollen da hinterher sein.
Carin: Das stimmt und das passiert leider auch viel, wo man gar nicht so ganz nachvollziehen kann, ob das so stimmt.
Xenia: Ja, was einfach schade ist. Ich habe jetzt gerade eine Dokumentation über Kaschmirwolle gesehen, wo es genau darum geht. Also Kaschmir wird hauptsächlich aus der Mongolei gewonnen. Da gibt es Kaschmirziegen und da gibt es viele solcher Kaschmirziegen-Farmen. Dort leben so viele der Kaschmirziegen, sodass sie das Land abgrasen. Dadurch sind sie eigentlich wieder eine Umweltbeschwerde, weil die natürliche die Vegetation in der Mongolei großflächig abgrasen. Dann muss man sich das gut überlegen, ob man das so will.
Carin: Ja das ist echt krass und ein total schwieriges Thema. Mittlerweile wird da ja zum Glück immer mehr hinterfragt und man kann versuchen beim Kauf von Dingen auf die Herkunft zu achten, um es eventuell ein bisschen mehr einzugrenzen so etwas nicht zu unterstützen.
Um von dem Material zu deinem Schaffensprozess zu kommen: Woher schöpfst du denn die Ideen für deine Outfits? Und was ist dabei deine größte Inspiration?
Xenia: Also ja, ich hatte es ja eben [im Vorgespräch] kurz erwähnt, dass ich total interessiert bin an der japanischen Designsprache und den Designkonzepten und das hat sich bei mir ehrlich gesagt auch schon relativ früh gezeigt. Die Asiatische und speziell japanische Art, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, mit sehr simplen Schnittteilen zu arbeiten, die dann einen größtmöglichen Effekt in der Zusammenstellung haben—das ist für mich ein Anspruch geworden. Und dass man mit super wenig und einfachen Mustern oder auch geometrischen Formen schon total schöne Sachen machen kann, die dann einfach dem Körper überlassen, dass der da drin etwas macht. Dass der da drinnen gut oder interessant aussieht. Weil wenn du das richtige Material hast, was sich dem Körper gut anschmiegt oder eben auch nicht, sondern vom Körper absteht—das ist dann immer die Entscheidung, die man treffen muss, weil man die gewisse Silhouette so oder so haben möchte. Man hat das Kleidungsstück und man hat den Körper und dann fügt man beides zusammen und die machen etwas zusammen. Ohne viele kleine Abnäher, irgendwelche kleinen Bordüren oder Gürtel, die irgendwo was taillieren. Einfach die Form des Körpers, die dann durch dieses Kleidungsstück so schmeichelhaft, sag ich mal, bekleidet wird. Das ist so ein bisschen dieses System von japanischer Kleidung. Da geht es sehr viel darum, dass man dem Körper in der Kleidung Platz lässt. Dass man sich nicht von der Kleidung in so eine zweite Haut rein schneidern lässt, sondern dass man das Kleidungsstück als Schutzmantel für seinen eigenen Körper hat. Sodass zwischen dem Kleidungsstück und deinem eigenen Körper noch ein Raum entsteht. Dieses japanische Konzept heißt >Ma< und bedeutet, du willst deiner Seele einen Raum geben. Es wird so übersetzt, dass sie da deinen Platz zum da sein hat, also dass du nicht direkt mit der Außenwelt immer in Verbindung sein musst.
Carin: Das klingt nach einer sehr schönen Philosophie!
Xenia: Ich finde es auch so schön. Also mir macht das auch Gänsehaut, wenn ich darüber spreche. Ich glaube auch, dass Kleidung einfach super viel mit einem machen kann. Wenn man die richtige Art von Kleidung findet und die richtige Art von Kleidung tragen darf, weil man halt auch das Privileg hat, sich kleiden zu dürfen, wie man das möchte. Das ist natürlich auch nicht unbedingt überall gegeben.
Sobald man das darf, ist es einfach schön sich selbst damit zu stärken. Du kannst damit deinen Charakter ausbauen. Du kannst dich damit zu einem Menschen machen, der du gerne wärst oder den du anderen Leuten gerne präsentierst. Du unterstreichst irgendwas, was für dich wichtig ist. Du zeigst den Leuten damit, dass du so oder so bist, und dann können andere Leute dich sehen und können in Verbindung mit dir treten, weil sie dich darin erkennen oder etwas darin erkennen, was sie anspricht. Das macht Kleidung im besten Fall. Also sie schafft im besten Fall Verbindungen oder gibt dir halt eine eigene Ausdruckskraft, die dann irgendwo resoniert. Und deswegen finde ich total wichtig, dass die Kleidung tragbar ist und das geht bei mir immer in den Designprozess mit rein.
Unabhängig davon bin ich auch einfach von dem, was mich umgibt, inspiriert. Auch so ein bisschen von der Ausgehkultur, von Menschen, die sich schick machen, die ausgehen, vielleicht zum Tanzen. Das ist aber ein sehr subtiler Einfluss gewesen, weil ich das nicht beabsichtigt habe, aber trotzdem gemerkt habe, dass meine Kleidungsstücke sehr viel von Menschen getragen werden, die viel ausgehen. Also die sich etwas Besonderes anziehen, weil man irgendwo gesehen wird.
Carin: Richtig schön! Und das ist wahrscheinlich auch das, was du mit der Mode den Menschen mitgeben möchtest, oder? Also dieses wohlige Gefühl in der Kleidung.
Xenia: Genau. Also ich glaube, dass Kleidung auch nur dann richtig ehrlich getragen wird oder auch nur dann irgendwie so schön ist, wenn die Leute sich in der Kleidung auch so wohlfühlen, dass sie der Kleidung diesen Ausdruck geben. Wenn das eher wie ein Kostüm ist oder nicht zu dieser Person passt oder gehört oder resoniert, dann sieht die Kleidung oft einfach auch nicht schön aus.
Ich glaube das machen meine Kleidungsstücke gut – die lassen Körper gut wirken, weil die super elastisch und vielseitig formbar sind. Man kann sie auch wickeln oder Knoten.
Carin: Total! Also das ist quasi auch dein Ziel, was du den Menschen, die deine Kleidung tragen, mitgeben möchtest, dass man da so viel mit machen kann?
Xenia: Genau, das ist vielleicht auch etwas, was man bei dem Material so von sich aus nicht direkt sieht. Da denkt man vielleicht, dass ist was ganz Feines, dass muss ich jetzt ganz behutsam anfassen und kann es nur bei ganz besonderen Gelegenheiten tragen. Aber ich liebe es auch, wenn die Strickteile Laufmaschen ziehen. Das sieht so schön aus, dann gewinnt dieses Teil noch mal mehr an Charakter. Dann hast du auch Geschichten in der Kleidung drin, das sind total wertvolle Merkmale. Und toll, wenn Kleidung sein darf, wenn Kleidung ein bisschen mitwächst mit dir oder sich mit verändert.


Das Bild muss auch noch wohin, habe aber noch keine Stelle dazu entschieden. Wies euch beim Layout sinnvoll erscheint
Text: Carin Haggeney
Fotografien: Carin Haggeney
Mode: Xenia Bund — Bund.Lab
Models: Frida Raabe & Lina Dannemann