Lara Berk | 18. Februar 2026 | 7 min

Der Tod war für mich lange Zeit kaum greifbar und weit weg. Er betraf immer nur andere Menschen. Das änderte sich schlagartig an dem Tag, an dem mein kleiner Bruder seine Krebs Diagnose bekam.
Er war noch so jung und hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Gerade erst hatte er sein Abitur abgeschlossen. Er hatte Pläne und Träume. Er wollte reisen, studieren und das Leben entdecken. Doch dann kam der Krebs. Die Diagnose war wie ein Riss in unserer Realität. Plötzlich saß der Tod mit uns am Frühstückstisch. Eine unheilbare Diagnose in diesem Alter fühlt sich an wie ein Betrug.
Mein Bruder selbst hatte natürlich große Angst davor. Er war unmittelbar betroffen. Er sprach nicht viel mit mir über seine tiefsten Ängste, aber er fand in den Palliativmitarbeitenden wichtige Anker. Sie wussten, wie man über das Ende spricht, ohne auszuweichen. Als wir schließlich von ihm Abschied nehmen mussten, war das eine Zeit voller Schmerz. Es geht hier um einen Menschen, der mir unendlich wichtig war und den ich niemals gehen lassen wollte. Dennoch konnten wir es nicht aufhalten. Wir mussten lernen, uns mit dem Verlust auseinanderzusetzen.
Bei dem Umgang mit diesem Verlust stieß ich schnell auf gesellschaftliche Grenzen. Warum machen wir es den Trauernden so schwer? Warum ist der Tod ein solches Tabuthema?
Wir leben in einer Welt der Optimierung, in der wir funktionieren und glücklich sein sollen. In dieses Bild passt der Tod nicht hinein. Er ist der ultimative Kontrollverlust. Wenn man offen über das Thema redet, wird man häufig mit einem bemitleidenden Blick angeguckt oder man hat das Gefühl, man stört die gute Stimmung. Es entsteht oft eine unangenehme Stille. Die Menschen wissen nicht, was sie sagen sollen. Also sagen sie lieber gar nichts und ziehen sich zurück.
Das führt dazu, dass man als Trauernde:r vereinsamt. Man möchte niemanden belasten und bleibt lieber mit seinen Gedanken allein. Das ist jedoch alles andere als nachhaltig. Wir verschwenden unsere emotionale Energie darauf, eine Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten, anstatt uns gegenseitig zu stützen. Es ist verständlich, dass es für viele ein extrem schweres Thema ist, aber genau deshalb ist es so wichtig, mit anderen darüber zu reden. Denn niemand ist allein. Gemeinschaft kann Heilung bedeuten und das Schweigen brechen.
Ein nachhaltiger Umgang mit dem Tod bedeutet für mich, dass wir Ressourcen schaffen, die uns auch in dunklen Zeiten tragen. Diese Ressourcen sind emotionaler Natur.
Es gibt so viele schöne Erinnerungen, die mein Bruder zurückgelassen hat. Diese Erinnerungen sind es wert, bewahrt und geteilt zu werden. Er lebt durch unsere Erzählungen weiter. Wenn wir aufhören, über ihn zu sprechen, stirbt er ein zweites Mal.
Ein nachhaltiger Umgang fördert das aktive Erinnern. Wir sollten nicht betreten zu Boden schauen, wenn sein Name fällt, sondern wir sollten lächeln und seine Geschichten erzählen. Verlust lähmt uns erst einmal, doch der offene Umgang damit kann eine stärkende Perspektive schaffen. Der Tod lehrt uns, was im Leben wirklich wichtig ist. Er zwingt uns, Prioritäten zu setzen und bewusster zu leben. Wenn wir den Tod als Teil des Lebens akzeptieren, verlieren wir vielleicht etwas von unserer Unbeschwertheit, aber wir gewinnen an Tiefe und Mitgefühl.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Trauer nicht versteckt werden muss. Wir müssen dem Tod wieder einen Platz in unserer Mitte geben. Nicht, weil wir den Tod lieben, sondern weil wir das Leben lieben und die Menschen, die wir verloren haben, ein Teil davonbleiben sollen. Mein Bruder fehlt mir jeden Tag. Aber wenn ich über ihn schreibe oder spreche, ist er mir nah.
Ein offener Umgang mit dem Tod würde uns Menschen so viel besser tun, denn keiner sollte den Schmerz allein bewältigen müssen.
Credits
Fotos: Lara Berk
Text: Lara Berk
Lara Berk
18. Februar 2026
7 min

Der Tod war für mich lange Zeit kaum greifbar und weit weg. Er betraf immer nur andere Menschen. Das änderte sich schlagartig an dem Tag, an dem mein kleiner Bruder seine Krebs Diagnose bekam.
Er war noch so jung und hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Gerade erst hatte er sein Abitur abgeschlossen. Er hatte Pläne und Träume. Er wollte reisen, studieren und das Leben entdecken. Doch dann kam der Krebs. Die Diagnose war wie ein Riss in unserer Realität. Plötzlich saß der Tod mit uns am Frühstückstisch. Eine unheilbare Diagnose in diesem Alter fühlt sich an wie ein Betrug.
Mein Bruder selbst hatte natürlich große Angst davor. Er war unmittelbar betroffen. Er sprach nicht viel mit mir über seine tiefsten Ängste, aber er fand in den Palliativmitarbeitenden wichtige Anker. Sie wussten, wie man über das Ende spricht, ohne auszuweichen. Als wir schließlich von ihm Abschied nehmen mussten, war das eine Zeit voller Schmerz. Es geht hier um einen Menschen, der mir unendlich wichtig war und den ich niemals gehen lassen wollte. Dennoch konnten wir es nicht aufhalten. Wir mussten lernen, uns mit dem Verlust auseinanderzusetzen.
Bei dem Umgang mit diesem Verlust stieß ich schnell auf gesellschaftliche Grenzen. Warum machen wir es den Trauernden so schwer? Warum ist der Tod ein solches Tabuthema?
Wir leben in einer Welt der Optimierung, in der wir funktionieren und glücklich sein sollen. In dieses Bild passt der Tod nicht hinein. Er ist der ultimative Kontrollverlust. Wenn man offen über das Thema redet, wird man häufig mit einem bemitleidenden Blick angeguckt oder man hat das Gefühl, man stört die gute Stimmung. Es entsteht oft eine unangenehme Stille. Die Menschen wissen nicht, was sie sagen sollen. Also sagen sie lieber gar nichts und ziehen sich zurück.
Das führt dazu, dass man als Trauernde:r vereinsamt. Man möchte niemanden belasten und bleibt lieber mit seinen Gedanken allein. Das ist jedoch alles andere als nachhaltig. Wir verschwenden unsere emotionale Energie darauf, eine Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten, anstatt uns gegenseitig zu stützen. Es ist verständlich, dass es für viele ein extrem schweres Thema ist, aber genau deshalb ist es so wichtig, mit anderen darüber zu reden. Denn niemand ist allein. Gemeinschaft kann Heilung bedeuten und das Schweigen brechen.
Ein nachhaltiger Umgang mit dem Tod bedeutet für mich, dass wir Ressourcen schaffen, die uns auch in dunklen Zeiten tragen. Diese Ressourcen sind emotionaler Natur.
Es gibt so viele schöne Erinnerungen, die mein Bruder zurückgelassen hat. Diese Erinnerungen sind es wert, bewahrt und geteilt zu werden. Er lebt durch unsere Erzählungen weiter. Wenn wir aufhören, über ihn zu sprechen, stirbt er ein zweites Mal.
Ein nachhaltiger Umgang fördert das aktive Erinnern. Wir sollten nicht betreten zu Boden schauen, wenn sein Name fällt, sondern wir sollten lächeln und seine Geschichten erzählen. Verlust lähmt uns erst einmal, doch der offene Umgang damit kann eine stärkende Perspektive schaffen. Der Tod lehrt uns, was im Leben wirklich wichtig ist. Er zwingt uns, Prioritäten zu setzen und bewusster zu leben. Wenn wir den Tod als Teil des Lebens akzeptieren, verlieren wir vielleicht etwas von unserer Unbeschwertheit, aber wir gewinnen an Tiefe und Mitgefühl.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Trauer nicht versteckt werden muss. Wir müssen dem Tod wieder einen Platz in unserer Mitte geben. Nicht, weil wir den Tod lieben, sondern weil wir das Leben lieben und die Menschen, die wir verloren haben, ein Teil davonbleiben sollen. Mein Bruder fehlt mir jeden Tag. Aber wenn ich über ihn schreibe oder spreche, ist er mir nah.
Ein offener Umgang mit dem Tod würde uns Menschen so viel besser tun, denn keiner sollte den Schmerz allein bewältigen müssen.
Credits
Fotos: Lara Berk
Text: Lara Berk