Marcus Wildelau | 05. Mai 2025 | Lesedauer 12 min

Vor einigen Jahren wurden bei Vermessungen des Meeresgrundes zufällig 13.000 Fässer mit Quecksilber entdeckt. Sie liegen in ca. 80m Tiefe einige Seemeilen ostwärts der Bucht von Sundsvall. Die Fässer wurden dort in den 1950er und 60er Jahren legal als Abfälle aus der Druckindustrie entsorgt. Aus Kostengründen werden sie nicht geborgen.
Warum eigentlich die Ostsee? Ich bin im Hinterland der Lübecker Bucht groß geworden, mitten in einem der bekanntesten Feriengebiete Deutschlands. Die Ostsee ist das beliebteste Ferienziel der Deutschen beim Urlaub im eigenen Lande. Heimat hat mich immer interessiert, weil ich sie stets am besten spüre, wenn ich sie vermisse. Der Begriff Heimvalenz des Verhaltensbiologen Günter Tembrock beschreibt ganz gut, was ich fühle, wenn ich sie besuche: Heimat ist für mich eine ehemals multisensorisch wahrgenommene, schließlich positiv bewertete Gegend meiner Herkunft, mit der ich mich biografisch bedingt verbunden fühle. Weiter denke ich: Heimat muss sich nicht in einer tatsächlichen Gegend oder Landschaft befinden, sondern kann auch in einer Vorstellung, Idee, Überzeugung oder Zuneigung zu etwas oder zu jemandem ihren Platz finden. Heimat ist etwas Persönliches und auch etwas Zerbrechliches, etwas, das verloren gehen kann. Man soll nicht glauben, man kenne seine Heimat, nur weil man mit ihr vertraut ist. Heimat klingt elementar, ist aber auch Veränderungen ausgesetzt.
Es sind drei Fragen, die mich bei der Arbeit der Erstellung der Ostseefotografien und bei der Betrachtung der Bilder immer wieder begleiten:
1. Was sieht der Mensch, wenn er die Ostsee anschaut?
2. Was sieht der Mensch nicht, wenn er die Ostsee anschaut?
3. Inwiefern ist der Mensch ein Teil der Natur?
Ich blicke aufs Meer. Meine Augen befinden sich in etwa 1,70m Höhe und ich stehe auf dem schmalen Küstenstreifen, wo das Meer das Festland berührt. So baue ich meine Kamera auf, die meine menschliche Statur rekapitulieren wird.
Wasser, Luft und die dünne Grenze der Ferne, der Horizont. Dazu Möwengeschrei, ein etwas klebriger Wind und der Geruch von Salz. Bei jedem Schritt knirscht der Sand, die Felsen sind warm von der Sonne, selbst abends noch, wenn die Mücken bis zum Ufer fliegen und man deswegen nicht zur Ruhe kommt. Blicke ich nun auf oder in die Natur oder etwa aus ihr heraus?
Der Begriff der Natur muss als sehr kleines Wort ganz schön viel in sich aufnehmen, genau wie der Begriff Kultur. Dabei ist der Begriff Natur ja erst durch unsere Kultur im Denken und in der Sprache entstanden. Er bezeichnet vereinfacht all das, was der Mensch nicht erschaffen hat. Der Begriff der Natur zeigt, wie der Mensch mit Sprache einen Abstand zur Welt erzeugt, sein Wesen und sein Denken darin abbildet. Und Bilder sind Modelle der Wirklichkeit, schreibt Wittgenstein. Mit „Ostsee – verborgene Fracht” erschaffe ich mit Sprache und mit dem Fotoapparat Abbilder der Welt und gleichzeitig erschaffe ich Bilder meiner Vorstellung von ihr, so wie ich einen Teil der Welt sehen und zeigen will. Villem Flusser schreibt in „Für eine Philosophie der Fotografie”, dass die Apparate nicht die Welt verändern wollen, sondern die Bedeutung der Welt. Und der Fotograf erzeugt, behandelt und speichert mit dem Apparat Symbole. [1]
[1} Vilém Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie, Edition Flusser \03, S. 23. ff.
Mich interessiert seit jeher das Verhältnis, die Beziehung des Menschen zur Natur. Vor allem in ästhetischer Hinsicht: Was findet er schön an ihr, was stößt ihn ab? Und wie gelangt er zu einem Bild der Natur und zu einem ästhetischen Urteil? Diese Untersuchung ist ja nicht Teil der Natur- sondern der Kulturgeschichte.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein wird die Natur, vor allem Gebirge, Wälder und Meere, als bedrohlich wahrgenommen und oft als Locus terribilis benannt. Erst mit der Erweiterung um die ästhetische Kategorie des Erhabenen, des Sublimen, erschaffen sich Menschen ein geistiges, ein wahrnehmungsphilosophisches Repertoire, mit dem Natur in gewissen Momenten als das Gewaltige, das über dem Schönen stehende, das Einzigartige und Inkommensurable benannt werden kann.
Hier möchte ich auf den wunderbaren Text „Größer als alle Vernunft” von Anna Zika hinweisen. Darin setzt die Autorin die Erhabenheit als ästhetische Größe und als Begriff in Beziehung zu Landschaftsgemälden aus der Romantik sowie auch zu den Fotografien aus dieser Reihe „Ostsee – verborgene Fracht”. [2]

Drei schwere Wasserbomben lagen etwa 70 Jahre lang unbemerkt in diesem Bereich der Kadetrinne, der meist befahrenen Wasserstraße der Ostsee zwischen dem Darß und der dänischen Insel Falster. In einer Tiefe von 21m an Deck eines Vorpostenbootwracks aus dem 2. Weltkrieg befanden sie sich nur 4m unter dem an dieser Stelle zugelassenen Tiefgang für Schiffe. Sie wurden 2013 geborgen und zum Teil vor Ort gesprengt, weil die Gefahr bestand, dass die Bomben von selbst explodieren. Spontane Detonationen von Weltkriegsmunition werden in der Ostsee regelmäßig registriert. Etwa 9.000 Öltanker fahren diese enge und schwer schiffbare Passage jährlich. Die Wasserbomben lagen in dem Gebiet der Kadetrinne, in dem in der Vergangenheit die meisten Schiffe verunglückt oder auf Grund gelaufen sind.
Bei der Erhabenheit geht es um Angstlust, das Erschauern, die Benennung eines großen Gefühls, dem „delightfull horror”, wie es Edmund Burke um 1750 formuliert, um das Glück eine existentielle Naturerfahrung aus sicherer Distanz machen zu können und mit dem Leben davonzukommen: etwa die schaurige Schönheit eines donnernden Vulkanausbruchs, einer krachenden Lawine oder eines im Sturm aufgepeitschten Meeres mit gewaltigen Brechern. Angst und Lust – zwei psychische Bedürfnisse des Menschen – werden in der Kategorie des Erhabenen zu einem Nervenkitzel vereint, wo sich Natur, Horror, Angst, Lust, Kunst und das Schöne in tiefer seelischer und körperlicher Empfindung begegnen können.
Die Bilder der Fotoreihe „Ostsee – verborgene Fracht” zeigen vermeintlich heile Naturmotive. Es sind Bilder, die das Wahrzunehmende, das scheinbar unberührte Meer in einem idealen Urzustand abbilden. Die Bilder transportieren symbolisch die Naturschönheit der Ostsee. Martin Seel spricht bei der ästhetischen Erfahrung von Natur selbst vom „korrespondierenden Ort”. Die Natur wird wahrgenommen als „der inspirierende Hintergrund existentiell glücklichen Daseins, wobei die schöne Natur hierbei als sein stimmungshafter Resonanzboden erfahren wird. Zumeist sind der positiven Korrespondenzerfahrung physiognomische, klimatische und historische Dimensionen eingelagert.” [3]
[3} Martin Seel: Ästhetik und Naturerfahrung. Heinz Paetzold, Das neue Interesse an einer Ästhetik der Natur, Ästhetik und Naturerfahrung, Fromman-Holzboog, 1996, S. 49.
Wie wir Bilder der Natur verstehen und wie wir sie ästhetisch bewerten interessierte auch Immanuel Kant. Er spricht in seiner Kritik der Urteilskraft vom Naturschönen. Kant entdeckte in der selbständigen Naturschönheit ein ästhetisches Formvermögen, das wie eine unabsichtliche „Technik der Natur” selbst „… zwar nicht unsere Erkenntnis der Naturobjekte, aber doch unseren Begriff von der Natur, nämlich als bloßen Mechanismus, zu dem Begriff von eben derselben als Kunst erweitert.”
Schönheit, so Kant, würden wir außerhalb von uns finden, während Erhabenheit nur in uns zu finden sei. An anderer Stelle fordert er, dass das Kunstschöne sich am Naturschönen orientieren müsse. Das sollte jedoch nicht heißen, dass Kunst bei ihrer Mimesis der Natur anstrebe, sie so exakt wie möglich nachzuahmen, sondern sie viel eher in ihrer selbständigen schöpferischen Kraft zu imitieren aufgefordert sehen sollte, um, wie die Natur selbst auch, eine überwältigende Wirkung zu erzielen.
Die Texte zu den Bildern der Ostsee benennen das, was wir nicht sehen, aber wissen sollten. Wir erhalten Hinweise zum Hässlichen, dem Unerwarteten, dem Verdrängten und Unsichtbaren, dem Grauen und der Rückseite des Spiegels unserer Konsumgesellschaft, hier sogar bildlich stimmig: die dem umgekehrten Wasserspiegel zugrunde liegende verborgene Fracht. Diese Fracht ist nicht Teil einer Mundus sensibilis, einer über die Sinne wahrzunehmenden Welt, weil wir sie nicht sehen, nicht sehen wollen. Wir müssen sie uns jenseits aller Sinne vorstellen, sie zu einem Teil unserer Mundus intelligibilis machen. Was die Ostsee verbirgt, kann sich nur ein Betrachter vorstellen, der weiß, was er nicht sieht.
Alexander von Humboldt wollte Landschaften um 1850 naturwissenschaftlich bestimmen und versuchte, eine physiognomische Bestimmung der Landschaft vorzunehmen und bezog den Betrachter mit ein. Für ihn stellte die Landschaft „eine geheimnisvolle Analogie zwischen den Gemütsbewegungen und den Erscheinungen der Sinneswelt dar, deren Totalität und besonderen Charakter eben durch das Gemüt des Subjektes hergestellt wurde.” [4]
[4} Humboldt 1845–1862 II, S. 58.
Der Begriff Landschaft allerdings hat zunächst mal nichts mit Natur zu tun. Wir sagen oft Landschaft und meinen Natur. Landschaft ist eine durch Natur und Gesellschaft vermittelte Einheit. Die Voraussetzung ist, dass sich ein Subjekt in ein Verhältnis zur Natur bringt. „Ein Stück Natur ist eigentlich ein innerer Widerspruch; die Natur hat keine Stücke, sie ist die Einheit eines Ganzen, und in dem Augenblick, wo irgendetwas aus ihr herausgestückt wird, ist es nicht mehr ganz und gar Natur.” [5] erläutert der Lebensphilosoph Georg Simmel in seiner Philosophie der Landschaft 1913.
[5} Georg Simmel: Philosophie der Landschaft, S. 42 u. 43.

Durch den anthropogenen Klimawandel hat sich die Temperatur der Ostsee in den letzten 100 Jahren um etwa 0,8°C erhöht. Tendenz steigend. Die Folgen für das Ökosystem sind komplex und gravierend. Ein Beispiel: Die winterliche Eissaison wird kürzer werden und die Ausdehnung der Eisschicht in der Ostsee wird sich innerhalb der kommenden 30 Jahre um bis zu 83 Prozent verringern. An der Unterseite der Eisschollen existieren einzellige Algen, die kleinen Krebsen als Nahrung dienen, die wiederum als Futter für den Dorsch dienen, der die Hauptnahrungsquelle für Ringelrobben darstellt. Künftig wird für die Ostsee-Ringelrobbe nicht nur das Nahrungsangebot knapper werden, sondern auch ihr Lebensraum. Eine für die Aufzucht ihrer Jungen ausreichend dicke und beständige Eisschicht wird es künftig nur noch im Bottnischen Meerbusen geben.
Wir haben über jahrhundertelangen kulturellen Einfluss ein Verständnis dafür entwickelt, wie aus Blicken in die Natur, Blicke auf Bilder der Natur werden können. Mit Hilfe der Vorstellung kann die Natur als dreidimensionales Gesamtkunstwerk erlebt und betreten werden. „Die Natur wird zum Widerschein der Kunst […] Schönheit stellt sich ein, wenn es glückt, die Natur zu imaginieren konform zu Werken der Kunst; das Erhabene dagegen resultiert aus einer Irritation, wenn nämlich die Natur ihr Bild in der Kunst übersteigt.” [6]
[6} Martin Seel, Eine Ästhetik der Natur. 1991, S. 144 und S. 170, zitiert nach Ästhetik und Naturerfahrung, Heinz Paetzold. Das neue Interesse an einer Ästhetik der Natur, S. 50.
Durch Landschaftsbilder erhalten wir vorrangig keine Kenntnis von darin abgebildeten Landschaftsobjekten, wie etwa einer Mühle, Bächen oder Bäumen oder dem Meer, sondern Landschaft ist vielmehr Trägerin komplexer menschlicher Vorstellungen und Empfindungen. Wir können das Bild der Natur als Chiffre unseres In-der-Welt-Seins lesen, indem wir unsere Empfindungen, unser Schicksal, unsere Mythen darin erkennen. Caspar David Friedrich hat einmal gesagt, es sei nicht wichtig, was der Maler vor sich sieht, sondern was er in sich sieht. Und so hat Friedrich Landschaft und Natur gemalt: als eine Projektion seiner Vorstellungen und Empfindungen. Seine Gemälde haben unsere Vorstellung von Natur möglicherweise stärker geprägt als Zoologen und Botaniker es je könnten.
Unsere tatsächliche Lebensführung ist in ihrer Praxis nicht Teil der Natur. Die Menschen mit ihrer überwiegend städtischen Lebensart in festen Behausungen haben sich ein von Naturrhythmen stark unabhängig gestaltetes Netzwerk mit 24/7 Mentalität aus industrieller landwirtschaftlicher Nahrungsmittelproduktion und technologischer Überlegenheit sowie höchster Künstlichkeit erschaffen, das unser Leben maßgeblich dominiert. Die historische Bedeutung des Begriffs Cultura meint Bebauung und Ackerpflege. Begriffe ändern sich nicht, aber ihre Bedeutungen und die Kontexte ihrer Verwendung. So bezeichnen wir heute Kultur als die Summe menschlicher Errungenschaften, ihrer Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, kurz: die Pflege des Geistigen, des Emotionalen, des Materiellen in einer Gesellschaft.
Man darf nicht den Fehler machen, Kultur und Natur ausschließlich getrennt voneinander zu denken oder einander ausschließen zu lassen. So wie der Geist nicht getrennt vom Körper gedacht werden kann, so kann auch die Kultur nicht ohne die Natur gedacht werden, die trotz entkoppelter agrarindustrieller, künstlicher Nahrungsherstellung und Ablösung von der Abhängigkeit natürlicher Nahrungsketten der Zivilisation ihre Ressourcen in Gestalt von Rohstoffen, Boden, Wasser, Organismen und Vegetation interesselos zur Verfügung stellt. Und ihre Meere selbstverständlich auch.
„Die künstlichen Welten, die wir zivilisatorisch schaffen, beruhen eigentlich auf isolierten, gesteigerten und energetisch erzwungenen Naturvorgängen und ‑potenzialen, sie suspendieren eigene Naturprozesse für eine relativ kurze Zeit, heben aber die Naturverfallenheit nicht auf. Deshalb ist die heute so beliebte Gegenüberstellung von Technosphäre und Ökosphäre natur- und gesellschaftstheoretisch eine der ideologischen Täuschungen von denen die westliche Kultur zehrt, so sehr sie einigen Augenschein in der gesellschaftlichen Realität für sich hat: Nicht nur durch Materie, Energie, Raum, Zeit ist eine wie immer definierte Technosphäre in eine ganzheitlich begriffene Ökosphäre eingeschlossen. Auch das artifizielle Geschehen in einer Technosphäre bleibt in die Gesamtheit des Naturgeschehens eingebunden, wie sehr die naturbedingte Vermittlung zunächst auch verhüllt wird und wie lange auch immer die Rückkopplung in das Naturgeschehen suspendiert erscheint. Ein mittelschweres Naturereignis wie ein Tsunami kann dies gleichsam in einem symbolischen Akt an einem Atomkraftwerk vor Augen führen.” [7]
[7} Ludwig Fischer: Naturallianz, Matthes & Seitz, Berlin, S. 118.

Die Ostsee gilt als eines der am stärksten radioaktiv verseuchten Meere. Dies ist auf eine radioaktive Wolke aus Tschernobyl zurückzuführen, die am 27. April 1986 über den südlichen Bottnischen Meerbusen zog. Bis heute ist der Fallout messbar. Außerdem wird das Meer durch oberirdische Atomtests und Zuleitungen radioaktiven Wassers aus umliegenden Atomkraftwerken belastet.
Die Menschen haben für fast alles, was sie betrachten, Begriffe und offenbaren in der Sprache ihr Denken. So entstammt der Begriff Forst, für Wald, dem lateinischen Foris was soviel wie „außerhalb der Stadtmauern” bedeutet. Und auch Natur sieht der Mensch gern als etwas, was außerhalb von ihm stattfindet. Dieses Selbstverständnis, diese erfinderische Übung zeigt, wie der Mensch sich durch In-Beziehung-Setzen zu seiner Umwelt erst zum Menschen macht. Er hat sich ein Leben außerhalb der Natur erschaffen. Domestikation und Sesshaftigkeit in der neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren – als übrigens die Ostsee durch Abtauen von Gletschern gerade im Begriff ist, zu entstehen – , Technologie, Medizin, Wissenschaft und Kunst entkoppeln ihn zum großen Teil aus den natürlichen Nahrungsketten und ökologischen Gefügen. Und weil diese Tatsachen den Menschen zum Menschen machen, weil sein oppositioneller Geist in einem mobilen Versorgungssystem namens Körper die Welt mit Bildern und Sprache ein zweites Mal erfindet und so Modelle der Wirklichkeit erschafft, wird sich der Kosmos, weil der Mensch nichts Anderes ist als verdichteter, kosmischer Staub, auf bizarre Weise im Menschen über sich selbst bewusst. Und inzwischen auch über die Grenzen des Wachstums und den Modellversuch Mensch und die damit einhergehenden Kollateralschäden am Planeten Erde.
Menschen meinen, wenn sie vom Universum sprechen, meist den Raum außerhalb unserer Atmosphäre, den Kosmos, wo die Raumfahrt stattfindet und die Sterne leuchten. Dabei ist das Universum auch hier auf der Erde. Die Erde ist Teil des Kosmos und übrigens der einzige Teil, der uns einigermaßen bekannt ist und wo wir Lebensbedingungen vorfinden, die unsere Existenz ermöglichen und die wir stets herausfordern, weil sie in gewisser Weise auch uns herausfordern. So sind wir alle Raumfahrer und Raumfahrerinnen auf unserem kleinen, blauen Heimatplaneten namens Erde, dem Beet, auf dem wir Menschen so mit Bosheit wuchern, wie Dante Alighieri schrieb.
Unsere Verbindung mit dem Meer hat unser Körper nicht vergessen. Wir haben Salzwasser im Blut und sind auf rätselhafte Weise ein lebendes Gedächtnis der Geschichte dieser Welt. In unserer Embryonalentwicklung, der Ontogenese, die unsere Stammesentwicklung, die Phylogenese wie in einem unvollständigen Zeitrafferfilm abbildet, sieht man uns zeitweise mit Schwimmhäuten, dann wieder mit Kiemen in einer Fruchtblase schwerelos wie ein Fisch umherpaddeln. Unsere Lungen benutzen wir nach einer neunmonatigen Tauchfahrt nur, weil wir uns plötzlich gezwungen sehen, irgendwo und irgendwie auftauchen zu müssen – hier sind wir also.
Vor vierhundert Jahren zeigt der flämische Maler Joos de Momper in seinem Gemälde „Der Seesturm” ein Meer, von dem tödliche Gefahren und Zerstörung für die Menschen und ihre Besitztümer ausgeht. Die schäumenden Fluten und die bauchig aufgeblähten Segel der kleinen Schaluppen und ein Meeresungeheuer in Gestalt eines Wales, der sein riesiges Maul aufreisst, werden als chaotische Welt einer durch Vernunftleistungen und Moral hoch geordneten Zivilisation der Menschen gegenübergestellt. Die phantastische Weltlandschaft auf diesem Gemälde ist vollkommen erfunden und zeigt Mythen und Ängste. Die Welt war zu jener Zeit noch wenig erforscht, die Meere scheinbar endlos und auf den unbekannten Gebieten von Karten konnte man Zeichnungen von echsenähnlichen Seeschlangen entdecken unter denen stand: Hic sunt dracones – hier sind Drachen. Eine Metapher für das Unbekannte und das Unbekannte, das in der Vorstellung des Menschen und seines gigantischen, psychischen Angstapparates reflexhaft zum personifizierten Grauen wird.
Inzwischen fand ein gewaltiger Paradigmenwechsel statt. Mit den „Grenzen des Wachstums” geht 1972 eine Publikation des Club of Rome wie ein donnerknallender Warnschuss durch die Welt – die Natur, die bisher als unerschöpfliche Gegnerin menschlichen Alleinvertretungsanspruchs auf die Herrschaft der Welt ausgebeutet und niedergerungen wurde, wird erstmals als fragiles und aus dem Gleichgewicht geratendes Ökosystem gedacht, das in der vernichtenden und maßlosen Hybris der Menschen ihre eigentliche Endgegnerin hat. Heute ist es das Meer, das bedroht wird. Und würde es malen können und die unvergleichlichen Zerstörungen und Verschmutzungen, der Menschen als Bild auf eine Leinwand bringen und wenn auch dort irgendwo Hic sunt dracones stehen würde, dann wäre das vielleicht die Bezeichnung, die das Meer den Menschen und ihren Zivilisationen geben würde.
Marcus Wildelau
05. Mai 2025
Lesedauer 12 min

Vor einigen Jahren wurden bei Vermessungen des Meeresgrundes zufällig 13.000 Fässer mit Quecksilber entdeckt. Sie liegen in ca. 80m Tiefe einige Seemeilen ostwärts der Bucht von Sundsvall. Die Fässer wurden dort in den 1950er und 60er Jahren legal als Abfälle aus der Druckindustrie entsorgt. Aus Kostengründen werden sie nicht geborgen.
Warum eigentlich die Ostsee? Ich bin im Hinterland der Lübecker Bucht groß geworden, mitten in einem der bekanntesten Feriengebiete Deutschlands. Die Ostsee ist das beliebteste Ferienziel der Deutschen beim Urlaub im eigenen Lande. Heimat hat mich immer interessiert, weil ich sie stets am besten spüre, wenn ich sie vermisse. Der Begriff Heimvalenz des Verhaltensbiologen Günter Tembrock beschreibt ganz gut, was ich fühle, wenn ich sie besuche: Heimat ist für mich eine ehemals multisensorisch wahrgenommene, schließlich positiv bewertete Gegend meiner Herkunft, mit der ich mich biografisch bedingt verbunden fühle. Weiter denke ich: Heimat muss sich nicht in einer tatsächlichen Gegend oder Landschaft befinden, sondern kann auch in einer Vorstellung, Idee, Überzeugung oder Zuneigung zu etwas oder zu jemandem ihren Platz finden. Heimat ist etwas Persönliches und auch etwas Zerbrechliches, etwas, das verloren gehen kann. Man soll nicht glauben, man kenne seine Heimat, nur weil man mit ihr vertraut ist. Heimat klingt elementar, ist aber auch Veränderungen ausgesetzt.
Es sind drei Fragen, die mich bei der Arbeit der Erstellung der Ostseefotografien und bei der Betrachtung der Bilder immer wieder begleiten:
1. Was sieht der Mensch, wenn er die Ostsee anschaut?
2. Was sieht der Mensch nicht, wenn er die Ostsee anschaut?
3. Inwiefern ist der Mensch ein Teil der Natur?
Ich blicke aufs Meer. Meine Augen befinden sich in etwa 1,70m Höhe und ich stehe auf dem schmalen Küstenstreifen, wo das Meer das Festland berührt. So baue ich meine Kamera auf, die meine menschliche Statur rekapitulieren wird.
Wasser, Luft und die dünne Grenze der Ferne, der Horizont. Dazu Möwengeschrei, ein etwas klebriger Wind und der Geruch von Salz. Bei jedem Schritt knirscht der Sand, die Felsen sind warm von der Sonne, selbst abends noch, wenn die Mücken bis zum Ufer fliegen und man deswegen nicht zur Ruhe kommt. Blicke ich nun auf oder in die Natur oder etwa aus ihr heraus?
Der Begriff der Natur muss als sehr kleines Wort ganz schön viel in sich aufnehmen, genau wie der Begriff Kultur. Dabei ist der Begriff Natur ja erst durch unsere Kultur im Denken und in der Sprache entstanden. Er bezeichnet vereinfacht all das, was der Mensch nicht erschaffen hat. Der Begriff der Natur zeigt, wie der Mensch mit Sprache einen Abstand zur Welt erzeugt, sein Wesen und sein Denken darin abbildet. Und Bilder sind Modelle der Wirklichkeit, schreibt Wittgenstein. Mit „Ostsee – verborgene Fracht” erschaffe ich mit Sprache und mit dem Fotoapparat Abbilder der Welt und gleichzeitig erschaffe ich Bilder meiner Vorstellung von ihr, so wie ich einen Teil der Welt sehen und zeigen will. Villem Flusser schreibt in „Für eine Philosophie der Fotografie”, dass die Apparate nicht die Welt verändern wollen, sondern die Bedeutung der Welt. Und der Fotograf erzeugt, behandelt und speichert mit dem Apparat Symbole. [1]
[1} Vilém Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie, Edition Flusser \03, S. 23. ff.
Mich interessiert seit jeher das Verhältnis, die Beziehung des Menschen zur Natur. Vor allem in ästhetischer Hinsicht: Was findet er schön an ihr, was stößt ihn ab? Und wie gelangt er zu einem Bild der Natur und zu einem ästhetischen Urteil? Diese Untersuchung ist ja nicht Teil der Natur- sondern der Kulturgeschichte.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein wird die Natur, vor allem Gebirge, Wälder und Meere, als bedrohlich wahrgenommen und oft als Locus terribilis benannt. Erst mit der Erweiterung um die ästhetische Kategorie des Erhabenen, des Sublimen, erschaffen sich Menschen ein geistiges, ein wahrnehmungsphilosophisches Repertoire, mit dem Natur in gewissen Momenten als das Gewaltige, das über dem Schönen stehende, das Einzigartige und Inkommensurable benannt werden kann.
Hier möchte ich auf den wunderbaren Text „Größer als alle Vernunft” von Anna Zika hinweisen. Darin setzt die Autorin die Erhabenheit als ästhetische Größe und als Begriff in Beziehung zu Landschaftsgemälden aus der Romantik sowie auch zu den Fotografien aus dieser Reihe „Ostsee – verborgene Fracht”. [2]

Drei schwere Wasserbomben lagen etwa 70 Jahre lang unbemerkt in diesem Bereich der Kadetrinne, der meist befahrenen Wasserstraße der Ostsee zwischen dem Darß und der dänischen Insel Falster. In einer Tiefe von 21m an Deck eines Vorpostenbootwracks aus dem 2. Weltkrieg befanden sie sich nur 4m unter dem an dieser Stelle zugelassenen Tiefgang für Schiffe. Sie wurden 2013 geborgen und zum Teil vor Ort gesprengt, weil die Gefahr bestand, dass die Bomben von selbst explodieren. Spontane Detonationen von Weltkriegsmunition werden in der Ostsee regelmäßig registriert. Etwa 9.000 Öltanker fahren diese enge und schwer schiffbare Passage jährlich. Die Wasserbomben lagen in dem Gebiet der Kadetrinne, in dem in der Vergangenheit die meisten Schiffe verunglückt oder auf Grund gelaufen sind.
Bei der Erhabenheit geht es um Angstlust, das Erschauern, die Benennung eines großen Gefühls, dem „delightfull horror”, wie es Edmund Burke um 1750 formuliert, um das Glück eine existentielle Naturerfahrung aus sicherer Distanz machen zu können und mit dem Leben davonzukommen: etwa die schaurige Schönheit eines donnernden Vulkanausbruchs, einer krachenden Lawine oder eines im Sturm aufgepeitschten Meeres mit gewaltigen Brechern. Angst und Lust – zwei psychische Bedürfnisse des Menschen – werden in der Kategorie des Erhabenen zu einem Nervenkitzel vereint, wo sich Natur, Horror, Angst, Lust, Kunst und das Schöne in tiefer seelischer und körperlicher Empfindung begegnen können.
Die Bilder der Fotoreihe „Ostsee – verborgene Fracht” zeigen vermeintlich heile Naturmotive. Es sind Bilder, die das Wahrzunehmende, das scheinbar unberührte Meer in einem idealen Urzustand abbilden. Die Bilder transportieren symbolisch die Naturschönheit der Ostsee. Martin Seel spricht bei der ästhetischen Erfahrung von Natur selbst vom „korrespondierenden Ort”. Die Natur wird wahrgenommen als „der inspirierende Hintergrund existentiell glücklichen Daseins, wobei die schöne Natur hierbei als sein stimmungshafter Resonanzboden erfahren wird. Zumeist sind der positiven Korrespondenzerfahrung physiognomische, klimatische und historische Dimensionen eingelagert.” [3]
[3} Martin Seel: Ästhetik und Naturerfahrung. Heinz Paetzold, Das neue Interesse an einer Ästhetik der Natur, Ästhetik und Naturerfahrung, Fromman-Holzboog, 1996, S. 49.
Wie wir Bilder der Natur verstehen und wie wir sie ästhetisch bewerten interessierte auch Immanuel Kant. Er spricht in seiner Kritik der Urteilskraft vom Naturschönen. Kant entdeckte in der selbständigen Naturschönheit ein ästhetisches Formvermögen, das wie eine unabsichtliche „Technik der Natur” selbst „… zwar nicht unsere Erkenntnis der Naturobjekte, aber doch unseren Begriff von der Natur, nämlich als bloßen Mechanismus, zu dem Begriff von eben derselben als Kunst erweitert.”
Schönheit, so Kant, würden wir außerhalb von uns finden, während Erhabenheit nur in uns zu finden sei. An anderer Stelle fordert er, dass das Kunstschöne sich am Naturschönen orientieren müsse. Das sollte jedoch nicht heißen, dass Kunst bei ihrer Mimesis der Natur anstrebe, sie so exakt wie möglich nachzuahmen, sondern sie viel eher in ihrer selbständigen schöpferischen Kraft zu imitieren aufgefordert sehen sollte, um, wie die Natur selbst auch, eine überwältigende Wirkung zu erzielen.
Die Texte zu den Bildern der Ostsee benennen das, was wir nicht sehen, aber wissen sollten. Wir erhalten Hinweise zum Hässlichen, dem Unerwarteten, dem Verdrängten und Unsichtbaren, dem Grauen und der Rückseite des Spiegels unserer Konsumgesellschaft, hier sogar bildlich stimmig: die dem umgekehrten Wasserspiegel zugrunde liegende verborgene Fracht. Diese Fracht ist nicht Teil einer Mundus sensibilis, einer über die Sinne wahrzunehmenden Welt, weil wir sie nicht sehen, nicht sehen wollen. Wir müssen sie uns jenseits aller Sinne vorstellen, sie zu einem Teil unserer Mundus intelligibilis machen. Was die Ostsee verbirgt, kann sich nur ein Betrachter vorstellen, der weiß, was er nicht sieht.
Alexander von Humboldt wollte Landschaften um 1850 naturwissenschaftlich bestimmen und versuchte, eine physiognomische Bestimmung der Landschaft vorzunehmen und bezog den Betrachter mit ein. Für ihn stellte die Landschaft „eine geheimnisvolle Analogie zwischen den Gemütsbewegungen und den Erscheinungen der Sinneswelt dar, deren Totalität und besonderen Charakter eben durch das Gemüt des Subjektes hergestellt wurde.” [4]
[4} Humboldt 1845–1862 II, S. 58.
Der Begriff Landschaft allerdings hat zunächst mal nichts mit Natur zu tun. Wir sagen oft Landschaft und meinen Natur. Landschaft ist eine durch Natur und Gesellschaft vermittelte Einheit. Die Voraussetzung ist, dass sich ein Subjekt in ein Verhältnis zur Natur bringt. „Ein Stück Natur ist eigentlich ein innerer Widerspruch; die Natur hat keine Stücke, sie ist die Einheit eines Ganzen, und in dem Augenblick, wo irgendetwas aus ihr herausgestückt wird, ist es nicht mehr ganz und gar Natur.” [5] erläutert der Lebensphilosoph Georg Simmel in seiner Philosophie der Landschaft 1913.
[5} Georg Simmel: Philosophie der Landschaft, S. 42 u. 43.

Durch den anthropogenen Klimawandel hat sich die Temperatur der Ostsee in den letzten 100 Jahren um etwa 0,8°C erhöht. Tendenz steigend. Die Folgen für das Ökosystem sind komplex und gravierend. Ein Beispiel: Die winterliche Eissaison wird kürzer werden und die Ausdehnung der Eisschicht in der Ostsee wird sich innerhalb der kommenden 30 Jahre um bis zu 83 Prozent verringern. An der Unterseite der Eisschollen existieren einzellige Algen, die kleinen Krebsen als Nahrung dienen, die wiederum als Futter für den Dorsch dienen, der die Hauptnahrungsquelle für Ringelrobben darstellt. Künftig wird für die Ostsee-Ringelrobbe nicht nur das Nahrungsangebot knapper werden, sondern auch ihr Lebensraum. Eine für die Aufzucht ihrer Jungen ausreichend dicke und beständige Eisschicht wird es künftig nur noch im Bottnischen Meerbusen geben.
Wir haben über jahrhundertelangen kulturellen Einfluss ein Verständnis dafür entwickelt, wie aus Blicken in die Natur, Blicke auf Bilder der Natur werden können. Mit Hilfe der Vorstellung kann die Natur als dreidimensionales Gesamtkunstwerk erlebt und betreten werden. „Die Natur wird zum Widerschein der Kunst […] Schönheit stellt sich ein, wenn es glückt, die Natur zu imaginieren konform zu Werken der Kunst; das Erhabene dagegen resultiert aus einer Irritation, wenn nämlich die Natur ihr Bild in der Kunst übersteigt.” [6]
[6} Martin Seel, Eine Ästhetik der Natur. 1991, S. 144 und S. 170, zitiert nach Ästhetik und Naturerfahrung, Heinz Paetzold. Das neue Interesse an einer Ästhetik der Natur, S. 50.
Durch Landschaftsbilder erhalten wir vorrangig keine Kenntnis von darin abgebildeten Landschaftsobjekten, wie etwa einer Mühle, Bächen oder Bäumen oder dem Meer, sondern Landschaft ist vielmehr Trägerin komplexer menschlicher Vorstellungen und Empfindungen. Wir können das Bild der Natur als Chiffre unseres In-der-Welt-Seins lesen, indem wir unsere Empfindungen, unser Schicksal, unsere Mythen darin erkennen. Caspar David Friedrich hat einmal gesagt, es sei nicht wichtig, was der Maler vor sich sieht, sondern was er in sich sieht. Und so hat Friedrich Landschaft und Natur gemalt: als eine Projektion seiner Vorstellungen und Empfindungen. Seine Gemälde haben unsere Vorstellung von Natur möglicherweise stärker geprägt als Zoologen und Botaniker es je könnten.
Unsere tatsächliche Lebensführung ist in ihrer Praxis nicht Teil der Natur. Die Menschen mit ihrer überwiegend städtischen Lebensart in festen Behausungen haben sich ein von Naturrhythmen stark unabhängig gestaltetes Netzwerk mit 24/7 Mentalität aus industrieller landwirtschaftlicher Nahrungsmittelproduktion und technologischer Überlegenheit sowie höchster Künstlichkeit erschaffen, das unser Leben maßgeblich dominiert. Die historische Bedeutung des Begriffs Cultura meint Bebauung und Ackerpflege. Begriffe ändern sich nicht, aber ihre Bedeutungen und die Kontexte ihrer Verwendung. So bezeichnen wir heute Kultur als die Summe menschlicher Errungenschaften, ihrer Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, kurz: die Pflege des Geistigen, des Emotionalen, des Materiellen in einer Gesellschaft.
Man darf nicht den Fehler machen, Kultur und Natur ausschließlich getrennt voneinander zu denken oder einander ausschließen zu lassen. So wie der Geist nicht getrennt vom Körper gedacht werden kann, so kann auch die Kultur nicht ohne die Natur gedacht werden, die trotz entkoppelter agrarindustrieller, künstlicher Nahrungsherstellung und Ablösung von der Abhängigkeit natürlicher Nahrungsketten der Zivilisation ihre Ressourcen in Gestalt von Rohstoffen, Boden, Wasser, Organismen und Vegetation interesselos zur Verfügung stellt. Und ihre Meere selbstverständlich auch.
„Die künstlichen Welten, die wir zivilisatorisch schaffen, beruhen eigentlich auf isolierten, gesteigerten und energetisch erzwungenen Naturvorgängen und ‑potenzialen, sie suspendieren eigene Naturprozesse für eine relativ kurze Zeit, heben aber die Naturverfallenheit nicht auf. Deshalb ist die heute so beliebte Gegenüberstellung von Technosphäre und Ökosphäre natur- und gesellschaftstheoretisch eine der ideologischen Täuschungen von denen die westliche Kultur zehrt, so sehr sie einigen Augenschein in der gesellschaftlichen Realität für sich hat: Nicht nur durch Materie, Energie, Raum, Zeit ist eine wie immer definierte Technosphäre in eine ganzheitlich begriffene Ökosphäre eingeschlossen. Auch das artifizielle Geschehen in einer Technosphäre bleibt in die Gesamtheit des Naturgeschehens eingebunden, wie sehr die naturbedingte Vermittlung zunächst auch verhüllt wird und wie lange auch immer die Rückkopplung in das Naturgeschehen suspendiert erscheint. Ein mittelschweres Naturereignis wie ein Tsunami kann dies gleichsam in einem symbolischen Akt an einem Atomkraftwerk vor Augen führen.” [7]
[7} Ludwig Fischer: Naturallianz, Matthes & Seitz, Berlin, S. 118.

Die Ostsee gilt als eines der am stärksten radioaktiv verseuchten Meere. Dies ist auf eine radioaktive Wolke aus Tschernobyl zurückzuführen, die am 27. April 1986 über den südlichen Bottnischen Meerbusen zog. Bis heute ist der Fallout messbar. Außerdem wird das Meer durch oberirdische Atomtests und Zuleitungen radioaktiven Wassers aus umliegenden Atomkraftwerken belastet.
Die Menschen haben für fast alles, was sie betrachten, Begriffe und offenbaren in der Sprache ihr Denken. So entstammt der Begriff Forst, für Wald, dem lateinischen Foris was soviel wie „außerhalb der Stadtmauern” bedeutet. Und auch Natur sieht der Mensch gern als etwas, was außerhalb von ihm stattfindet. Dieses Selbstverständnis, diese erfinderische Übung zeigt, wie der Mensch sich durch In-Beziehung-Setzen zu seiner Umwelt erst zum Menschen macht. Er hat sich ein Leben außerhalb der Natur erschaffen. Domestikation und Sesshaftigkeit in der neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren – als übrigens die Ostsee durch Abtauen von Gletschern gerade im Begriff ist, zu entstehen – , Technologie, Medizin, Wissenschaft und Kunst entkoppeln ihn zum großen Teil aus den natürlichen Nahrungsketten und ökologischen Gefügen. Und weil diese Tatsachen den Menschen zum Menschen machen, weil sein oppositioneller Geist in einem mobilen Versorgungssystem namens Körper die Welt mit Bildern und Sprache ein zweites Mal erfindet und so Modelle der Wirklichkeit erschafft, wird sich der Kosmos, weil der Mensch nichts Anderes ist als verdichteter, kosmischer Staub, auf bizarre Weise im Menschen über sich selbst bewusst. Und inzwischen auch über die Grenzen des Wachstums und den Modellversuch Mensch und die damit einhergehenden Kollateralschäden am Planeten Erde.
Menschen meinen, wenn sie vom Universum sprechen, meist den Raum außerhalb unserer Atmosphäre, den Kosmos, wo die Raumfahrt stattfindet und die Sterne leuchten. Dabei ist das Universum auch hier auf der Erde. Die Erde ist Teil des Kosmos und übrigens der einzige Teil, der uns einigermaßen bekannt ist und wo wir Lebensbedingungen vorfinden, die unsere Existenz ermöglichen und die wir stets herausfordern, weil sie in gewisser Weise auch uns herausfordern. So sind wir alle Raumfahrer und Raumfahrerinnen auf unserem kleinen, blauen Heimatplaneten namens Erde, dem Beet, auf dem wir Menschen so mit Bosheit wuchern, wie Dante Alighieri schrieb.
Unsere Verbindung mit dem Meer hat unser Körper nicht vergessen. Wir haben Salzwasser im Blut und sind auf rätselhafte Weise ein lebendes Gedächtnis der Geschichte dieser Welt. In unserer Embryonalentwicklung, der Ontogenese, die unsere Stammesentwicklung, die Phylogenese wie in einem unvollständigen Zeitrafferfilm abbildet, sieht man uns zeitweise mit Schwimmhäuten, dann wieder mit Kiemen in einer Fruchtblase schwerelos wie ein Fisch umherpaddeln. Unsere Lungen benutzen wir nach einer neunmonatigen Tauchfahrt nur, weil wir uns plötzlich gezwungen sehen, irgendwo und irgendwie auftauchen zu müssen – hier sind wir also.
Vor vierhundert Jahren zeigt der flämische Maler Joos de Momper in seinem Gemälde „Der Seesturm” ein Meer, von dem tödliche Gefahren und Zerstörung für die Menschen und ihre Besitztümer ausgeht. Die schäumenden Fluten und die bauchig aufgeblähten Segel der kleinen Schaluppen und ein Meeresungeheuer in Gestalt eines Wales, der sein riesiges Maul aufreisst, werden als chaotische Welt einer durch Vernunftleistungen und Moral hoch geordneten Zivilisation der Menschen gegenübergestellt. Die phantastische Weltlandschaft auf diesem Gemälde ist vollkommen erfunden und zeigt Mythen und Ängste. Die Welt war zu jener Zeit noch wenig erforscht, die Meere scheinbar endlos und auf den unbekannten Gebieten von Karten konnte man Zeichnungen von echsenähnlichen Seeschlangen entdecken unter denen stand: Hic sunt dracones – hier sind Drachen. Eine Metapher für das Unbekannte und das Unbekannte, das in der Vorstellung des Menschen und seines gigantischen, psychischen Angstapparates reflexhaft zum personifizierten Grauen wird.
Inzwischen fand ein gewaltiger Paradigmenwechsel statt. Mit den „Grenzen des Wachstums” ging 1972 eine Publikation des Club of Rome wie ein donnerknallender Warnschuss durch die Welt – die Natur, die bisher als unerschöpfliche Gegnerin menschlichen Alleinvertretungsanspruchs auf die Herrschaft der Welt ausgebeutet und niedergerungen wurde, wurde erstmals als fragiles und aus dem Gleichgewicht geratendes Ökosystem gedacht, das in der vernichtenden und maßlosen Hybris der Menschen ihre eigentliche Endgegnerin hatte. Heute ist es das Meer, das bedroht wird. Und würde es malen können und die unvergleichlichen Zerstörungen und Verschmutzungen, der Menschen als Bild auf eine Leinwand bringen und wenn auch dort irgendwo Hic sunt dracones stehen würde, dann wäre das vielleicht die Bezeichnung, die das Meer den Menschen und ihren Zivilisationen geben würde.