Timotheus Krajewski im Gespräch mit Alina Schmuch
3. Januar 2025 | Lesedauer 10 min

Alina Schmuch, Videostill, Amphibische Pfade, 2022
Ich habe angefangen zu fotografieren, um mich mit den Dingen und Strukturen, von denen ich umgeben war, ins Verhältnis zu setzen. Die Dokumentation ist eine Möglichkeit, in einen wachen Modus der Auseinandersetzung zu kommen. Ausgehend von der Fotografie habe ich dann mehr und mehr gefilmt, um Prozesse festzuhalten und mit Rhythmus zu arbeiten – wobei meine Bewegtbild-Arbeiten auch etwas sehr Fotografisches haben.
Mir gefällt es sehr, den Blick für die Dinge vor Ort zu schärfen. Beim Filmen oder Fotografieren gibt es diese Momente, in denen vor der Kamera plötzlich unterschiedliche Komponenten miteinander reagieren und sich zu einem unglaublichen Bild zusammenfügen. Mich interessiert es sehr, Einblicke in ganz verschiedene Bereiche zu bekommen und Perspektiven zusammen zu bringen.
Wie sehen beispielsweise die Bilder aus, die Wissenschaftler:innen und Ingenieur:innen produzieren?
Wie schlagen sich gesellschaftliche Fragen in Architektur und Gestaltung nieder?

Ich denke, die Kunst ist ein guter Raum, um die Dinge in ihrer Komplexität zu zeigen und auch Langsamkeit zu zulassen. Der Film „Amphibische Pfade“ [1], den ich unter anderem an der Hochschule Bielefeld gezeigt habe, dreht sich um Hochwasserschutzarchitekturen und Anpassungsstrategien vor dem Hintergrund einer sich zuspitzenden Klimakrise. Es geht um Themen wie Kontrolle und Unkontrollierbarkeit und eine von Technologie geprägte Landschaft. Ich frage mich oft, wie ich mich einem viel besprochenen und aufgeladenen Gegenstand von den Seiten aus nähern kann. So sammele ich Bilder von verschiedenen Blickachsen aus und montiere diese miteinander in Sequenzen und im Raum. Dabei möchte ich nicht vorgeben, wie die Bilder gelesen werden sollen, sondern möchte den Betrachtenden zumuten, sich selbst mit ihren eigenen Lesarten zu konfrontieren.
[1] 2022 in Kooperation mit
Maria Ebbinghaus
Eine Frage, die mich beschäftigt, ist, wie in anderen Disziplinen Bilder produziert und verwendet werden. In dem Künstlerinnenbuch „Script of Demolition“ habe ich zum Beispiel mit dem Archiv einer Sprengmeister-Familie gearbeitet. Obwohl die Sprengsequenzen eine ästhetische Qualität haben, wurden sie nicht anhand ästhetischer Gesichtspunkte aufgenommen, sondern um den Prozess des Sprengens zu optimieren. Die Frage danach, wie sich Bilder und gebaute Umwelt gegenseitig beeinflussen, spielt auch bei den operativen Bildern der Inspektionsroboter eine Rolle, die sich fast autonom durch das Abwassersystem im Ruhrgebiet bewegen können.

Alina Schmuch, Videostill, Amphibische Pfade, 2022
Es gibt oft Auslöser, wie beispielsweise wenn ich auf ein Bildarchiv stoße. Ich schätze auch das kollektive Arbeiten sehr. Ich stehe im engen Austausch mit anderen Künstler:innen, Theoretiker:innen, Gestalter:innen und manchmal ergeben sich aus diesen Dialogen Zusammenarbeiten.
In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit Wasserinfrastrukturen beschäftigt. Ausgangspunkt war hier ein Archiv über die Wasserinfrastrukturen im Ruhrgebiet. Insbesondere interessiere mich für das Abwassersystem als ein Netz von Verbindungslinien, in welchem Technologie und Körper aufeinandertreffen und das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sowie Intimität und Öffentlichkeit verhandelt wird. Daran anknüpfend ergaben sich immer neue Fragen und weitere Episoden. In der wachsenden Serie möchte ich herausfinden, wie Wasserinfrastrukturen funktionieren und in welchen Zusammenhängen wir mit unseren eigenen Körpern ganz konkret stehen – auch ökologisch stehen. Mich hat es interessiert, diesen Verbindungslinien konkret nachzugehen zwischen Bädern, Infrastruktur und Wasserlandschaften.
Die Gestaltung der medizinischen Bäder in Druskininkai, ein Kurort in Litauen.

Alina Schmuch, Ausstellungsansicht, Hydromedia, Technische Sammlungen Dresden, 2025
Grundsätzlich denke ich die Arbeiten installativ und bringe die Bilder, die ich als Material verstehe, in den Raum, sodass sich Ausstellungsform und Bilder gegenseitig unterstützen oder eine Spannung erzeugen. Zum Teil reagiere ich mit meinen Arbeiten auch auf Museumssammlungen oder sehr spezifische Räume. Gerade ist in Dresden die Ausstellung „Hydromedia“ in den Technischen Sammlungen zu sehen, in der meine Videoarbeiten mit den historischen Kameras und Technologien interagieren. Mir gefällt dieses Parasitäre, Ortsspezifische. Durch die Gegenüberstellungen werden die Bilder in einen fragilen Kontext gebracht, der ermöglicht, über die eigene Bildproduktion und die Geschichte von bildgebenden Verfahren nachzudenken.
Gerade weil Bilder so allgegenwärtig sind, versuche ich indirekte Bilder zu finden. In gewisser Weise ist die Fotografie auch recht limitiert, sogar unzureichend. Manche Themen können nicht in einem einzigen Bild zusammengefasst werden. Ich umkreise eher den Gegenstand. Es interessiert mich, zwischen Fotografie, Grafik und Raum Brüche erzeugen. Gleichzeitig denke ich, dass es in einer von Bildern überfluteten Welt manchmal wichtiger ist, ein Bild auszuwerten als ein neues Bild hinzuzufügen.

Alina Schmuch, Ausstellungsansicht, Hydromedia, Technische Sammlungen Dresden, 2025
Auch im Bereich der Kunst und insbesondere der Fotografie sollten wir unsere Produktionsprozesse stärker hinterfragen. Die analoge Fotografie ist seit jeher mit chemischen Prozessen verbunden, die nicht nachhaltig sind. Aber auch die Distribution von Fotografie und neue Bildverfahren, beispielsweise das Generieren von Bildern durch künstliche Intelligenz, bedeuten einen massiven Energieaufwand. Daher finde ich es relevant, diese Verfahren zu beleuchten und zu erforschen, auf welche Weise wir mit Bildern umgehen.

Alina Schmuch, Videostill, Amphibische Pfade, 2022
Credits
Fotos: Alina Schmuch
Text: Timotheus Krajewski im Gespräch mit Alina Schmuch
Verlinkungen:
https://alinaschmuch.de/
Timotheus Krajewski im Gespräch mit Alina Schmuch
3. Januar 2025
Lesedauer 10 min

Alina Schmuch, Videostill, Amphibische Pfade, 2022
Ich habe angefangen zu fotografieren, um mich mit den Dingen und Strukturen, von denen ich umgeben war, ins Verhältnis zu setzen. Die Dokumentation ist eine Möglichkeit, in einen wachen Modus der Auseinandersetzung zu kommen. Ausgehend von der Fotografie habe ich dann mehr und mehr gefilmt, um Prozesse festzuhalten und mit Rhythmus zu arbeiten – wobei meine Bewegtbild-Arbeiten auch etwas sehr Fotografisches haben.
Mir gefällt es sehr, den Blick für die Dinge vor Ort zu schärfen. Beim Filmen oder Fotografieren gibt es diese Momente, in denen vor der Kamera plötzlich unterschiedliche Komponenten miteinander reagieren und sich zu einem unglaublichen Bild zusammenfügen. Mich interessiert es sehr, Einblicke in ganz verschiedene Bereiche zu bekommen und Perspektiven zusammen zu bringen.
Wie sehen beispielsweise die Bilder aus, die Wissenschaftler:innen und Ingenieur:innen produzieren?
Wie schlagen sich gesellschaftliche Fragen in Architektur und Gestaltung nieder?

Ich denke, die Kunst ist ein guter Raum, um die Dinge in ihrer Komplexität zu zeigen und auch Langsamkeit zu zulassen. Der Film „Amphibische Pfade“ [1], den ich unter anderem an der Hochschule Bielefeld gezeigt habe, dreht sich um Hochwasserschutzarchitekturen und Anpassungsstrategien vor dem Hintergrund einer sich zuspitzenden Klimakrise. Es geht um Themen wie Kontrolle und Unkontrollierbarkeit und eine von Technologie geprägte Landschaft. Ich frage mich oft, wie ich mich einem viel besprochenen und aufgeladenen Gegenstand von den Seiten aus nähern kann. So sammele ich Bilder von verschiedenen Blickachsen aus und montiere diese miteinander in Sequenzen und im Raum. Dabei möchte ich nicht vorgeben, wie die Bilder gelesen werden sollen, sondern möchte den Betrachtenden zumuten, sich selbst mit ihren eigenen Lesarten zu konfrontieren.
[1] 2022 in Kooperation mit
Maria Ebbinghaus
Eine Frage, die mich beschäftigt, ist, wie in anderen Disziplinen Bilder produziert und verwendet werden. In dem Künstlerinnenbuch „Script of Demolition“ habe ich zum Beispiel mit dem Archiv einer Sprengmeister-Familie gearbeitet. Obwohl die Sprengsequenzen eine ästhetische Qualität haben, wurden sie nicht anhand ästhetischer Gesichtspunkte aufgenommen, sondern um den Prozess des Sprengens zu optimieren. Die Frage danach, wie sich Bilder und gebaute Umwelt gegenseitig beeinflussen, spielt auch bei den operativen Bildern der Inspektionsroboter eine Rolle, die sich fast autonom durch das Abwassersystem im Ruhrgebiet bewegen können.

Alina Schmuch, Videostill, Amphibische Pfade, 2022
Es gibt oft Auslöser, wie beispielsweise wenn ich auf ein Bildarchiv stoße. Ich schätze auch das kollektive Arbeiten sehr. Ich stehe im engen Austausch mit anderen Künstler:innen, Theoretiker:innen, Gestalter:innen und manchmal ergeben sich aus diesen Dialogen Zusammenarbeiten.
In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit Wasserinfrastrukturen beschäftigt. Ausgangspunkt war hier ein Archiv über die Wasserinfrastrukturen im Ruhrgebiet. Insbesondere interessiere mich für das Abwassersystem als ein Netz von Verbindungslinien, in welchem Technologie und Körper aufeinandertreffen und das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sowie Intimität und Öffentlichkeit verhandelt wird. Daran anknüpfend ergaben sich immer neue Fragen und weitere Episoden. In der wachsenden Serie möchte ich herausfinden, wie Wasserinfrastrukturen funktionieren und in welchen Zusammenhängen wir mit unseren eigenen Körpern ganz konkret stehen – auch ökologisch stehen. Mich hat es interessiert, diesen Verbindungslinien konkret nachzugehen zwischen Bädern, Infrastruktur und Wasserlandschaften.
Die Gestaltung der medizinischen Bäder in Druskininkai, ein Kurort in Litauen.

Alina Schmuch, Ausstellungsansicht, Hydromedia, Technische Sammlungen Dresden, 2025
Grundsätzlich denke ich die Arbeiten installativ und bringe die Bilder, die ich als Material verstehe, in den Raum, sodass sich Ausstellungsform und Bilder gegenseitig unterstützen oder eine Spannung erzeugen. Zum Teil reagiere ich mit meinen Arbeiten auch auf Museumssammlungen oder sehr spezifische Räume. Gerade ist in Dresden die Ausstellung „Hydromedia“ in den Technischen Sammlungen zu sehen, in der meine Videoarbeiten mit den historischen Kameras und Technologien interagieren. Mir gefällt dieses Parasitäre, Ortsspezifische. Durch die Gegenüberstellungen werden die Bilder in einen fragilen Kontext gebracht, der ermöglicht, über die eigene Bildproduktion und die Geschichte von bildgebenden Verfahren nachzudenken.
Gerade weil Bilder so allgegenwärtig sind, versuche ich indirekte Bilder zu finden. In gewisser Weise ist die Fotografie auch recht limitiert, sogar unzureichend. Manche Themen können nicht in einem einzigen Bild zusammengefasst werden. Ich umkreise eher den Gegenstand. Es interessiert mich, zwischen Fotografie, Grafik und Raum Brüche erzeugen. Gleichzeitig denke ich, dass es in einer von Bildern überfluteten Welt manchmal wichtiger ist, ein Bild auszuwerten als ein neues Bild hinzuzufügen.

Alina Schmuch, Ausstellungsansicht, Hydromedia, Technische Sammlungen Dresden, 2025
Auch im Bereich der Kunst und insbesondere der Fotografie sollten wir unsere Produktionsprozesse stärker hinterfragen. Die analoge Fotografie ist seit jeher mit chemischen Prozessen verbunden, die nicht nachhaltig sind. Aber auch die Distribution von Fotografie und neue Bildverfahren, beispielsweise das Generieren von Bildern durch künstliche Intelligenz, bedeuten einen massiven Energieaufwand. Daher finde ich es relevant, diese Verfahren zu beleuchten und zu erforschen, auf welche Weise wir mit Bildern umgehen.

Alina Schmuch, Videostill, Amphibische Pfade, 2022
Credits
Fotos: Alina Schmuch
Text: Timotheus Krajewski im Gespräch mit Alina Schmuch
Verlinkungen:
https://alinaschmuch.de/