Leonard Bremer | 06. Januar 2025 | Lesedauer: 15 min
In diesem Beitrag werfen wir einen Blick hinter die Kulissen eines Repair-Cafés. Wir beleuchten, wie diese Idee funktioniert, welche Menschen dahinterstehen und warum ihre Arbeit für eine nachhaltigere Zukunft so wichtig ist. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden der Bielefelder Zukunftswerkstatt e.V., Markus Neumann, erfahren wir mehr über die Herausforderungen und die Freude, die dieses Projekt mit sich bringt.

Leo:
Hallo Markus, legen wir doch direkt los. Wann und aus welcher Motivation heraus sind eure Repair-Cafés entstanden?
Markus:
Wir haben uns 2018 gegründet. Die Repair-Cafés laufen unter dem Verein Bielefelder Zukunftswerkstatt e.V. [1] motiviert hat uns hauptsächlich natürlich der Aspekt der Nachhaltigkeit. Aber nicht nur; die Repair cafés gab es schon vorher von einem anderen Träger. Aus verschiedenen Gründen haben wir uns von diesem Verein getrennt, um unser Projekt den Raum bieten zu können, den wir für richtig und notwendig erachten. Wir haben uns dann mit den ganzen aktiven Reparateur:innen zusammengetan.
Wir haben auch zuerst überlegt, das einfach als lockerer Verbund zu machen. Einen Verein zu gründen ist nämlich immer mit viel Bürokratie verbunden. Man muss zum Amtsgericht, Notar, und, und, und. Aber so haben wir jetzt die Sicherheit eines Vereins, haben also eine Haftpflichtversicherung, die uns absichert, sollte mal etwas mit den von uns reparierten Sachen passieren. Ansonsten würden wir das als lockerer Verbund machen, müssten wir als Privatpersonen haften und dann könnte jemand ankommen und sagen: Markus, du hast mir den Toaster repariert, jetzt ist mein Haus abgebrannt, dafür nehme ich deins.
Ich meine, es ist sehr, sehr unwahrscheinlich und wir lassen uns das von den Gästen auch immer gegenzeichnen. Wir sind ein Verein, wir geben keine Garantie oder Gewährleistung.
Leo:
Ja klar verständlich. Wird ein Projekt wie eures eigentlich staatlich subventioniert?
Markus:
Nein, überhaupt gar nicht. Wir finanzieren uns rein aus Spenden.
Leo:
Nochmal zurück zu eurer Motivation dahinter.
Markus:
Es gibt mehrere Aspekte. Natürlich, Nachhaltigkeit ist ein großes Stichwort, aber auch die Freude daran, anderen Menschen eine Freude zu machen. Wenn jemand zum Beispiel einen alten Plattenspieler mitbringt, den er eigentlich schon lange abgeschrieben hat und wir kriegen ihn nach ein bisschen tüfteln wieder gemeinsam ans Laufen, dann ist das einfach ein tolles Gefühl.
Und zum Wegschmeißen ist vieles auch einfach zu schade.
Leo:
Ja, das klingt sehr erfüllend.
Wie ist das denn mit euren Öffnungszeiten und Standorten? Ihr habt ja verschiedene Anlaufpunkte in der Stadt, richtig?
Markus:
Genau, wir haben drei Standorte und an jedem davon sind wir eigentlich einmal im Monat. Zum Beispiel: jeden letzten Sonntag in Stieghorst oder den dritten Freitag im Monat in Bielefeld-Mitte. Davon ausgenommen sind allerdings die Ferien.
Leo:
Und dann kann einfach jede:r, der:die gerade Bedarf hat, vorbeikommen?
Markus:
Ja. Wir haben da immer eine Zeit von 3 Stunden, meistens von 14 bis 17 Uhr und da kann jede:r vorbeikommen. Es braucht keine Anmeldung oder Fehlerbeschreibung, jede:r kann wirklich unangemeldet einfach reinschneien.
In einigen Städten ist das auch anders. Da muss man sich anmelden und einen Termin geben lassen und so weiter. Wir versuchen das ganze locker und einfach zu halten.
Leo:
Und die Personen, die bei den Reparaturen helfen sind alle ehrenamtliche Helfer:innen?
Markus:
Genau. Mittlerweile sind wir 13 aktive Mitglieder, das klappt schon ganz gut.
Leo:
Das sind dann wahrscheinlich hauptsächlich Menschen, die sich mit Elektrotechnik auskennen, richtig?
Markus:
Ja, wir reparieren auch hauptsächlich Elektrogeräte. Wir hatten aber auch schon Dinge wie eine Kuckucksuhr dabei.



Leo:
Gibt es eine bestimmte Art von Gegenständen, die besonders häufig dabei sind?
Markus:
Es sind meist die typischen Küchen- und Haushaltsgeräte. Vom Bügeleisen, über Mixer, bis hin zu Staubsaugern – das sind so die gängigsten Sachen. Ansonsten gibt es aber auch immer wieder Exoten, wie alte Radios, Rekorder, CD-Player, Plattenspieler und ähnliches.
Leo:
Hast du eine ungefähre Vorstellung wie viele Geräte ihr bisher schon reparieren konntet?
Markus:
Wir haben das mal mit Radio Bielefeld [2] hochgerechnet.
Im Jahr haben wir so um die 500 Geräte, die zu uns gebracht werden. Davon können wir etwas mehr als 50% reparieren—also um die 250 Geräte im Jahr. Seit der Gründung 2018 konnten wir also um die 1500 Geräte retten.
Leo:
Okay, das ist schon echt viel.
Was ist so das durchschnittliche Alter der Menschen, die zu euch kommen?
Markus:
Es sind überwiegend die älteren Generationen, aber auch in den jüngeren Generationen finden wir langsam mehr Anklang. Da merkt man dann schon, dass der Trend zur Nachhaltigkeit wächst. Aber es spielt natürlich immer eine große Rolle, wie man groß geworden ist.
Ältere Menschen die z.B. ein Radio aus den 1950er- 60er Jahren haben, das damals 3 Monatsgehälter gekostet hat, hat natürlich einen höheren Stellenwert. Das schmeißt man nicht einfach weg. Heute kriegt man ein Radio für 20€ und wenn es kaputt ist, kauft man eben ein neues, das ist traurigerweise meist sogar günstiger als es zu reparieren.
Leo:
Das stimmt leider. Glaubst du denn, dass Projekte wie eure Repair-Cafés in der Gesellschaft das Bewusstsein für Nachhaltigkeit schärfen können?
Markus:
Auf jeden Fall, weil wenn die Leute sehen: ach Mensch, man kann das ja doch wieder reparieren. Dann bringen sie auch ein zweites oder ein drittes Teil mit, empfehlen es Freunden und so wird langsam mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschaffen.
Leo:
Das kann ich mir gut vorstellen.
Wie läuft denn so eine Reparatur bei euch typischerweise ab?
Markus:
Wir versuchen, auf jeden Fall die Leute zu integrieren, dass sie das Gerät mit festhalten oder auch bei der Fehlersuche helfen, so dass sie aktiv mitmachen. Am liebsten sogar den Schraubenzieher selbst in die Hand nehmen und zum Beispiel schon mal das Gerät aufmachen.
Leo:
Das klingt echt gut!
Wir hatten das eben schon mal kurz angesprochen; die Finanzierung läuft dann ausschließlich über Spenden? Und gab es Dinge, mit denen ihr in der Vergangenheit zu kämpfen hattet?
Markus:
Genau, die Finanzierung läuft ausschließlich über Spenden, pro Reparatur spenden die Menschen meist zwischen 5 und 10 Euro.
Ganz am Anfang unserer Gründung hatten wir in der Hinsicht Probleme—wir hatten uns gerade von dem ursprünglichen Träger des Projekts gelöst, die wollten uns aber nicht die Werkzeuge überlassen, obwohl die ja von unseren Spenden finanziert wurden.
Wir hatten teilweise kaum Werkzeug und haben uns dann bei Aldi einen Werkzeugkoffer für irgendwas um die 60€ gekauft, und haben damit dann angefangen. Mittlerweile haben wir uns zum Glück alles Mögliche zusammengesammelt und haben auch einen kleinen Puffer. Jetzt können wir uns auch mal ein vernünftiges Digitalmultimeter [3] kaufen oder so.
[3] Ein Digitalmultimeter (DMM) ist ein elektronisches Messgerät, das grundlegende elektrische Größen wie Spannung, Strom und Widerstand präzise misst und die Werte digital auf einem Display anzeigt.
Leo:
Und die Hardware, die ihr kauft, um Dinge zu reparieren, muss auch nicht bezahlt werden? Geht wirklich alles über Spenden?
Markus:
Ja, alles ist auf Spendenbasis. Unsere Einnahmen sind im ganz kleinen Rahmen, kann ich ruhig erzählen. Also Gesamtumsatz des Vereins sind 1000€ pro Jahr, was als Spenden reinkommt, aber dann natürlich auch für die ganzen Artikel ausgegeben wird. Von daher bleibt das eigentlich bei plus minus Null.
Leo:
Gerade in der heutigen Gesellschaft, wo ja viel produziert wird, was willentlich nicht repariert werden, sondern im Müll landen soll; Wie siehst du die Zukunft von Repair-Cafés?
Markus:
Ich denke schon, dass Repair-Cafés Zukunft haben. Es wurden ja auch bereits Gesetze verabschiedet, die eine Recht auf Reparatur vorschreiben, das startet jetzt langsam.
Meine Frau hat zum Beispiel so einen kleinen LED-Lampenschirm gekauft, den man auf eine Flasche stecken kann.
Ich habe mir dann mal die Bedienungsanleitung angeschaut und war total verwundert—das war ein Gerät für ca. 10€, aber in der Beschreibung stand schon alles Mögliche drin. Erstmal wie man es entsorgen kann, aber auch wie man es auseinandernehmen kann. Man kann sogar einzeln die Platine nachbestellen oder den Akku ausbauen und einen neuen einsetzen.
Das geht schon in die Richtung Recht auf Reparatur, es ist also nicht mehr alles einfach nur zugeklebt und wenn es kaputt ist, ist es kaputt und man kann es nur noch wegschmeißen. Wenn das mehr wird, haben Repair-Cafés eine große Zukunft, das finde ich toll.
Leo:
Definitiv! Habt ihr Pläne euer Angebot noch zu erweitern und evtl. zu versuchen mehr junge Menschen darauf aufmerksam zu machen?
Markus:
Durchaus ja. Wir spielen tatsächlich gerade mit dem Gedanken, in oder in der Nähe der Uni noch ein Repair-Café aufzumachen. Wichtig ist, dass wir genügend Reparateur:innen haben.
Wir haben in letzter Zeit auch ein bisschen mehr Zulauf, was die Reparateur:innen angeht, das kommt wahrscheinlich durch Radio Bielefeld, den Bielefeld-Preis und so weiter. Wenn wir also noch ein paar mehr werden, werden wir mal bei der Uni anfragen.
Leo:
Klingt nach einer guten Idee.
Markus:
Das wäre auch eine ganz andere Zielgruppe.
Leo:
Ja, das würde bestimmt gut ankommen.
Gibt es irgendeine besondere Reparatur-Geschichte, die dir im Gedächtnis geblieben ist?
Markus:
Ja, die Kuckucksuhr.
Da kam eine ältere Dame mit ihrer Kuckucksuhr und sagte: „Tja normalerweise repariert sowas mein Mann, aber der ist verstorben. Der Kuckuck kommt nicht mehr aus seinem Kasten.“ Da habe ich gemeint: „wir können ja mal gucken.“ Ich mache also hinten die Klappe auf und da sehe ich fein säuberlich ein Gestänge mit Klebestreifen eingeklebt. Das war schon sehr komisch. Ich habe das Ganze dann gelöst und etwas geölt, und schon kam der Kuckuck auch wieder raus. Der verstorbene Mann hat scheinbar extra das Gestänge festgeklebt, damit der blöde Kuckuck nicht immer rauskommt.
Leo:
Irgendwie schön.
Und was bedeutet Nachhaltigkeit für dich?
Markus:
Nachhaltigkeit in diesem Bezug bedeutet, dass man schonend mit den Ressourcen umgeht, dass man nicht jeden Blödsinn kauft und gleich wieder wegwirft. Was ich auch immer öfter merke, ist: Wer billig kauft, kauft zweimal. Man muss nicht das teuerste Produkt kaufen, aber immer auf den niedrigsten Preis zu gehen ist meist auch nicht die Lösung.
Also zu schauen, ob das Ding, dass ich haben möchte, die Sache wert ist und dann mal zu vergleichen und eventuell ein paar Euro draufzulegen, damit ich dann was ‚schöneres‘ habe, das dann auch langlebiger ist.
Leo:
Der Verein, unter dem die Repair-Cafés laufen ist ja die Bielefelder Zukunftswerkstatt e.V. – Habt ihr noch andere Projekte, mit denen ihr euch beschäftigt?
Markus:
Ja wir haben noch einen Permakultur-Garten, um den sich aber hauptsächlich Reinhold kümmert. Das ist ein Garten der komplett ohne Giftstoffe und künstliche Dünger auskommt. Permakultur heißt, dass eine Pflanzenart die nächste Pflanze, die gepflanzt wird, unterstützt und die dann wieder die nächste Pflanze und so weiter. Das heißt: er versucht da eine bestimmte Pflanzreihenfolge reinzubringen, sodass die nächste Pflanze einen fruchtbareren Boden vorfindet und besser gedeiht.
Leo:
Hast du darüber hinaus irgendwelche Tipps für Privatpersonen, um nachhaltiger mit ihren Konsumgütern, wie technischen Geräten, umzugehen?
Markus:
Ein allgemeiner Tipp wäre – was nämlich ein unheimlich häufiger Grund ist, warum die Leute ins Repair-Café kommen – nicht an den Kabeln ziehen!
Leo:
Okay, das kann sicherlich jede:r.
Markus:
Ja, entweder ist es das Kabel, dass aus dem Gerät rauskommt, welches dann stramm rumgewickelt wird, so dass es abknickt oder wodran gerissen wird, um es aus der Steckdose zu ziehen. Was auch sehr beliebt ist, ist bei Staubsaugern das Kabel immer reinsausen zu lassen, also auf diesen Knopf drücken und dann kommt der Kabel Aufwickler und man freut sich denn das Ding hat ja eine enorme Geschwindigkeit. Aber wenn dieser Stecker das ungefähr 500-mal mitgemacht hat, gibt er irgendwann auf.
Leo:
Das macht Sinn. Habt ihr auch mit Trends wie Upcycling und sowas zu tun oder kommen die Leute wirklich nur zum Reparieren?
Markus:
Meistens nur zum Reparieren, ja.
Leo:
Gibt es etwas, das du dir für die Zukunft wünschen würdest?
Markus:
Ich würde mir wünschen, dass die Repair-Cafés mehr Reichweite und Bekanntheit erlangen und dass mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit da ist. Dass die Leute wissen, da gibt es doch ein Repair-Café, ich muss jetzt nicht unbedingt ins teure Fachgeschäft gehen oder gar mein Gerät wegschmeißen.
Leo:
Vielen Dank für deine Zeit, das ist wirklich ein schönes Projekt.
Markus
Gerne, ich freue mich über das Interesse.
Credits
Fotos & Text: Leonard Bremer
Interview mit: Markus Neumann, Zukunftswerkstatt Bielefeld e.V.
Leonard Bremer
06. Januar 2025
Lesedauer: 15 min
In diesem Beitrag werfen wir einen Blick hinter die Kulissen eines Repair-Cafés. Wir beleuchten, wie diese Idee funktioniert, welche Menschen dahinterstehen und warum ihre Arbeit für eine nachhaltigere Zukunft so wichtig ist. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden der Bielefelder Zukunftswerkstatt e.V., Markus Neumann, erfahren wir mehr über die Herausforderungen und die Freude, die dieses Projekt mit sich bringt.

Leo:
Hallo Markus, legen wir doch direkt los. Wann und aus welcher Motivation heraus sind eure Repair-Cafés entstanden?
Markus:
Wir haben uns 2018 gegründet. Die Repair-Cafés laufen unter dem Verein Bielefelder Zukunftswerkstatt e.V. [1] motiviert hat uns hauptsächlich natürlich der Aspekt der Nachhaltigkeit. Aber nicht nur; die Repair cafés gab es schon vorher von einem anderen Träger. Aus verschiedenen Gründen haben wir uns von diesem Verein getrennt, um unser Projekt den Raum bieten zu können, den wir für richtig und notwendig erachten. Wir haben uns dann mit den ganzen aktiven Reparateur:innen zusammengetan.
Wir haben auch zuerst überlegt, das einfach als lockerer Verbund zu machen. Einen Verein zu gründen ist nämlich immer mit viel Bürokratie verbunden. Man muss zum Amtsgericht, Notar, und, und, und. Aber so haben wir jetzt die Sicherheit eines Vereins, haben also eine Haftpflichtversicherung, die uns absichert, sollte mal etwas mit den von uns reparierten Sachen passieren. Ansonsten würden wir das als lockerer Verbund machen, müssten wir als Privatpersonen haften und dann könnte jemand ankommen und sagen: Markus, du hast mir den Toaster repariert, jetzt ist mein Haus abgebrannt, dafür nehme ich deins.
Ich meine, es ist sehr, sehr unwahrscheinlich und wir lassen uns das von den Gästen auch immer gegenzeichnen. Wir sind ein Verein, wir geben keine Garantie oder Gewährleistung.
Leo:
Ja klar verständlich. Wird ein Projekt wie eures eigentlich staatlich subventioniert?
Markus:
Nein, überhaupt gar nicht. Wir finanzieren uns rein aus Spenden.
Leo:
Nochmal zurück zu eurer Motivation dahinter.
Markus:
Es gibt mehrere Aspekte. Natürlich, Nachhaltigkeit ist ein großes Stichwort, aber auch die Freude daran, anderen Menschen eine Freude zu machen. Wenn jemand zum Beispiel einen alten Plattenspieler mitbringt, den er eigentlich schon lange abgeschrieben hat und wir kriegen ihn nach ein bisschen tüfteln wieder gemeinsam ans Laufen, dann ist das einfach ein tolles Gefühl.
Und zum Wegschmeißen ist vieles auch einfach zu schade.
Leo:
Ja, das klingt sehr erfüllend.
Wie ist das denn mit euren Öffnungszeiten und Standorten? Ihr habt ja verschiedene Anlaufpunkte in der Stadt, richtig?
Markus:
Genau, wir haben drei Standorte und an jedem davon sind wir eigentlich einmal im Monat. Zum Beispiel: jeden letzten Sonntag in Stieghorst oder den dritten Freitag im Monat in Bielefeld-Mitte. Davon ausgenommen sind allerdings die Ferien.
Leo:
Und dann kann einfach jede:r, der:die gerade Bedarf hat, vorbeikommen?
Markus:
Ja. Wir haben da immer eine Zeit von 3 Stunden, meistens von 14 bis 17 Uhr und da kann jede:r vorbeikommen. Es braucht keine Anmeldung oder Fehlerbeschreibung, jede:r kann wirklich unangemeldet einfach reinschneien.
In einigen Städten ist das auch anders. Da muss man sich anmelden und einen Termin geben lassen und so weiter. Wir versuchen das ganze locker und einfach zu halten.
Leo:
Und die Personen, die bei den Reparaturen helfen sind alle ehrenamtliche Helfer:innen?
Markus:
Genau. Mittlerweile sind wir 13 aktive Mitglieder, das klappt schon ganz gut.
Leo:
Das sind dann wahrscheinlich hauptsächlich Menschen, die sich mit Elektrotechnik auskennen, richtig?
Markus:
Ja, wir reparieren auch hauptsächlich Elektrogeräte. Wir hatten aber auch schon Dinge wie eine Kuckucksuhr dabei.


Leo:
Gibt es eine bestimmte Art von Gegenständen, die besonders häufig dabei sind?
Markus:
Es sind meist die typischen Küchen- und Haushaltsgeräte. Vom Bügeleisen, über Mixer, bis hin zu Staubsaugern – das sind so die gängigsten Sachen. Ansonsten gibt es aber auch immer wieder Exoten, wie alte Radios, Rekorder, CD-Player, Plattenspieler und ähnliches.
Leo:
Hast du eine ungefähre Vorstellung wie viele Geräte ihr bisher schon reparieren konntet?
Markus:
Wir haben das mal mit Radio Bielefeld [2] hochgerechnet.
Im Jahr haben wir so um die 500 Geräte, die zu uns gebracht werden. Davon können wir etwas mehr als 50% reparieren—also um die 250 Geräte im Jahr. Seit der Gründung 2018 konnten wir also um die 1500 Geräte retten.
Leo:
Okay, das ist schon echt viel.
Was ist so das durchschnittliche Alter der Menschen, die zu euch kommen?
Markus:
Es sind überwiegend die älteren Generationen, aber auch in den jüngeren Generationen finden wir langsam mehr Anklang. Da merkt man dann schon, dass der Trend zur Nachhaltigkeit wächst. Aber es spielt natürlich immer eine große Rolle, wie man groß geworden ist.
Ältere Menschen die z.B. ein Radio aus den 1950er- 60er Jahren haben, das damals 3 Monatsgehälter gekostet hat, hat natürlich einen höheren Stellenwert. Das schmeißt man nicht einfach weg. Heute kriegt man ein Radio für 20€ und wenn es kaputt ist, kauft man eben ein neues, das ist traurigerweise meist sogar günstiger als es zu reparieren.
Leo:
Das stimmt leider. Glaubst du denn, dass Projekte wie eure Repair-Cafés in der Gesellschaft das Bewusstsein für Nachhaltigkeit schärfen können?
Markus:
Auf jeden Fall, weil wenn die Leute sehen: ach Mensch, man kann das ja doch wieder reparieren. Dann bringen sie auch ein zweites oder ein drittes Teil mit, empfehlen es Freunden und so wird langsam mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschaffen.
Leo:
Das kann ich mir gut vorstellen.
Wie läuft denn so eine Reparatur bei euch typischerweise ab?
Markus:
Wir versuchen, auf jeden Fall die Leute zu integrieren, dass sie das Gerät mit festhalten oder auch bei der Fehlersuche helfen, so dass sie aktiv mitmachen. Am liebsten sogar den Schraubenzieher selbst in die Hand nehmen und zum Beispiel schon mal das Gerät aufmachen.
Leo:
Das klingt echt gut!
Wir hatten das eben schon mal kurz angesprochen; die Finanzierung läuft dann ausschließlich über Spenden? Und gab es Dinge, mit denen ihr in der Vergangenheit zu kämpfen hattet?
Markus:
Genau, die Finanzierung läuft ausschließlich über Spenden, pro Reparatur spenden die Menschen meist zwischen 5 und 10 Euro.
Ganz am Anfang unserer Gründung hatten wir in der Hinsicht Probleme—wir hatten uns gerade von dem ursprünglichen Träger des Projekts gelöst, die wollten uns aber nicht die Werkzeuge überlassen, obwohl die ja von unseren Spenden finanziert wurden.
Wir hatten teilweise kaum Werkzeug und haben uns dann bei Aldi einen Werkzeugkoffer für irgendwas um die 60€ gekauft, und haben damit dann angefangen. Mittlerweile haben wir uns zum Glück alles Mögliche zusammengesammelt und haben auch einen kleinen Puffer. Jetzt können wir uns auch mal ein vernünftiges Digitalmultimeter [3] kaufen oder so.
[3] Ein Digitalmultimeter (DMM) ist ein elektronisches Messgerät, das grundlegende elektrische Größen wie Spannung, Strom und Widerstand präzise misst und die Werte digital auf einem Display anzeigt.

Leo:
Und die Hardware, die ihr kauft, um Dinge zu reparieren, muss auch nicht bezahlt werden? Geht wirklich alles über Spenden?
Markus:
Ja, alles ist auf Spendenbasis. Unsere Einnahmen sind im ganz kleinen Rahmen, kann ich ruhig erzählen. Also Gesamtumsatz des Vereins sind 1000€ pro Jahr, was als Spenden reinkommt, aber dann natürlich auch für die ganzen Artikel ausgegeben wird. Von daher bleibt das eigentlich bei plus minus Null.
Leo:
Gerade in der heutigen Gesellschaft, wo ja viel produziert wird, was willentlich nicht repariert werden, sondern im Müll landen soll; Wie siehst du die Zukunft von Repair-Cafés?
Markus:
Ich denke schon, dass Repair-Cafés Zukunft haben. Es wurden ja auch bereits Gesetze verabschiedet, die eine Recht auf Reparatur vorschreiben, das startet jetzt langsam.
Meine Frau hat zum Beispiel so einen kleinen LED-Lampenschirm gekauft, den man auf eine Flasche stecken kann.
Ich habe mir dann mal die Bedienungsanleitung angeschaut und war total verwundert—das war ein Gerät für ca. 10€, aber in der Beschreibung stand schon alles Mögliche drin. Erstmal wie man es entsorgen kann, aber auch wie man es auseinandernehmen kann. Man kann sogar einzeln die Platine nachbestellen oder den Akku ausbauen und einen neuen einsetzen.
Das geht schon in die Richtung Recht auf Reparatur, es ist also nicht mehr alles einfach nur zugeklebt und wenn es kaputt ist, ist es kaputt und man kann es nur noch wegschmeißen. Wenn das mehr wird, haben Repair-Cafés eine große Zukunft, das finde ich toll.
Leo:
Definitiv! Habt ihr Pläne euer Angebot noch zu erweitern und evtl. zu versuchen mehr junge Menschen darauf aufmerksam zu machen?
Markus:
Durchaus ja. Wir spielen tatsächlich gerade mit dem Gedanken, in oder in der Nähe der Uni noch ein Repair-Café aufzumachen. Wichtig ist, dass wir genügend Reparateur:innen haben.
Wir haben in letzter Zeit auch ein bisschen mehr Zulauf, was die Reparateur:innen angeht, das kommt wahrscheinlich durch Radio Bielefeld, den Bielefeld-Preis und so weiter. Wenn wir also noch ein paar mehr werden, werden wir mal bei der Uni anfragen.
Leo:
Klingt nach einer guten Idee.
Markus:
Das wäre auch eine ganz andere Zielgruppe.
Leo:
Ja, das würde bestimmt gut ankommen.
Gibt es irgendeine besondere Reparatur-Geschichte, die dir im Gedächtnis geblieben ist?
Markus:
Ja, die Kuckucksuhr.
Da kam eine ältere Dame mit ihrer Kuckucksuhr und sagte: „Tja normalerweise repariert sowas mein Mann, aber der ist verstorben. Der Kuckuck kommt nicht mehr aus seinem Kasten.“ Da habe ich gemeint: „wir können ja mal gucken.“ Ich mache also hinten die Klappe auf und da sehe ich fein säuberlich ein Gestänge mit Klebestreifen eingeklebt. Das war schon sehr komisch. Ich habe das Ganze dann gelöst und etwas geölt, und schon kam der Kuckuck auch wieder raus. Der verstorbene Mann hat scheinbar extra das Gestänge festgeklebt, damit der blöde Kuckuck nicht immer rauskommt.
Leo:
Irgendwie schön.
Und was bedeutet Nachhaltigkeit für dich?
Markus:
Nachhaltigkeit in diesem Bezug bedeutet, dass man schonend mit den Ressourcen umgeht, dass man nicht jeden Blödsinn kauft und gleich wieder wegwirft. Was ich auch immer öfter merke, ist: Wer billig kauft, kauft zweimal. Man muss nicht das teuerste Produkt kaufen, aber immer auf den niedrigsten Preis zu gehen ist meist auch nicht die Lösung.
Also zu schauen, ob das Ding, dass ich haben möchte, die Sache wert ist und dann mal zu vergleichen und eventuell ein paar Euro draufzulegen, damit ich dann was ‚schöneres‘ habe, das dann auch langlebiger ist.
Leo:
Der Verein, unter dem die Repair-Cafés laufen ist ja die Bielefelder Zukunftswerkstatt e.V. – Habt ihr noch andere Projekte, mit denen ihr euch beschäftigt?
Markus:
Ja wir haben noch einen Permakultur-Garten, um den sich aber hauptsächlich Reinhold kümmert. Das ist ein Garten der komplett ohne Giftstoffe und künstliche Dünger auskommt. Permakultur heißt, dass eine Pflanzenart die nächste Pflanze, die gepflanzt wird, unterstützt und die dann wieder die nächste Pflanze und so weiter. Das heißt: er versucht da eine bestimmte Pflanzreihenfolge reinzubringen, sodass die nächste Pflanze einen fruchtbareren Boden vorfindet und besser gedeiht.
Leo:
Hast du darüber hinaus irgendwelche Tipps für Privatpersonen, um nachhaltiger mit ihren Konsumgütern, wie technischen Geräten, umzugehen?
Markus:
Ein allgemeiner Tipp wäre – was nämlich ein unheimlich häufiger Grund ist, warum die Leute ins Repair-Café kommen – nicht an den Kabeln ziehen!
Leo:
Okay, das kann sicherlich jede:r.
Markus:
Ja, entweder ist es das Kabel, dass aus dem Gerät rauskommt, welches dann stramm rumgewickelt wird, so dass es abknickt oder wodran gerissen wird, um es aus der Steckdose zu ziehen. Was auch sehr beliebt ist, ist bei Staubsaugern das Kabel immer reinsausen zu lassen, also auf diesen Knopf drücken und dann kommt der Kabel Aufwickler und man freut sich denn das Ding hat ja eine enorme Geschwindigkeit. Aber wenn dieser Stecker das ungefähr 500-mal mitgemacht hat, gibt er irgendwann auf.
Leo:
Das macht Sinn. Habt ihr auch mit Trends wie Upcycling und sowas zu tun oder kommen die Leute wirklich nur zum Reparieren?
Markus:
Meistens nur zum Reparieren, ja.
Leo:
Gibt es etwas, das du dir für die Zukunft wünschen würdest?
Markus:
Ich würde mir wünschen, dass die Repair-Cafés mehr Reichweite und Bekanntheit erlangen und dass mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit da ist. Dass die Leute wissen, da gibt es doch ein Repair-Café, ich muss jetzt nicht unbedingt ins teure Fachgeschäft gehen oder gar mein Gerät wegschmeißen.
Leo:
Vielen Dank für deine Zeit, das ist wirklich ein schönes Projekt.
Markus
Gerne, ich freue mich über das Interesse.
Credits
Fotos & Text: Leonard Bremer
Interview mit: Markus Neumann, Zukunftswerkstatt Bielefeld e.V.