Xenia Bund | 16.01.2025 | 5 min

Foto: Iryna Lysenko
Kaufe Secondhand-Kleidung, reise weniger und ernähre dich vegetarisch – dann du bist auf einem guten Weg, ein:e vorbildliche Weltbürger:in zu werden.
Diese Leitsätze kennen wir alle. Ich selbst habe, seit ich Geld verdiene, fast ausschließlich Secondhand-Kleidung gekauft. Aber warum eigentlich?
Weil ich für mein schmales Budget dort mehr und außergewöhnlichere Kleidungsstücke finden konnte, als es in den bekannten Fast-Fashion-Geschäften möglich gewesen wäre. Und weil ich für aktuelle Markenkleidung erst recht kein Geld zur Verfügung hatte.
Mir wurde unterschwellig früh vermittelt, dass „mehr für weniger“ erstrebenswert sei. Jedenfalls eher als auf den einen Gegenstand zu sparen, der wirklich zu hundert Prozent sitzt und all meine Erwartungen erfüllt. Also habe ich auf Flohmärkten lieber fünf T‑Shirts, drei Hosen und eine Kappe gekauft, die „ganz cool“ waren. Anstatt ein paar Monate zu sparen, um mir genau die Hose leisten zu können, die mir wirklich gefallen hätte und die wahrscheinlich von höherer Qualität und Haltbarkeit gewesen wäre.
Weil Kaufen „Spaß“ macht. Weil der Besitz von etwas Neuem ein „gutes Gefühl“ auslöst. Es ist ein Privileg, das oft als Wert angesehen wird, viele Dinge zu besitzen. Ein großer Kleiderschrank war in meiner Jugend ein erstrebenswertes Ziel. Viel Auswahl und das Gefühl, für jeden Tag ein neues Outfit zu haben, schienen wichtig, um interessant zu wirken und die Aufmerksamkeit meiner Mitmenschen zu gewinnen.

Stress! Sich jeden Morgen durch die 1001 Optionen zu wühlen, um das passende Outfit zu finden, wurde schnell zu einem frustrierenden Unterfangen. Ich trug oft Kleidung – schlichtweg, weil sie da war. Ich hatte sie schließlich gekauft und war ihr geradezu schuldig, sie wenigstens ein paar Mal zu tragen. Allerdings fühlte ich mich in meinem Körper, der in diesen wilden Kombinationen steckte, selten richtig wohl.
Mein tägliches Drama bestand aus einem zeitraubenden, anstrengenden Entscheidungsprozess, der nicht selten in einem Tag voller Selbstzweifel und Unbehagen mündete.
Natürlich wurde mir nach einigen Tragezyklen klar, dass die eine oder andere Klamotte mich nicht repräsentierte. Also sortierte ich sie aus – oft ohne schlechtes Gewissen. Die Kleidung landete in einer Kleiderkiste für den Sozialladen, auf Flohmärkten oder Secondhand-Plattformen. Und wenn ich für die aussortierten Stücke noch etwas Geld bekam, investierte ich es in neue Secondhand-Kleidung.
Dass dieses System kaputt und ungesund ist, wurde mir erst vor etwa einem halben Jahr auf schockierende Weise bewusst. Ich kaufte und verkaufte immer weiter, erfreute mich kurz an neuen Sachen, um sie dann doch wieder loszuwerden.
Eines Tages stand ich vor meinem Kleiderschrank und hatte das Gefühl, dass kein einziges Kleidungsstück zu mir passte. Ich konnte mich mit den Dingen darin nicht mehr identifizieren. Sie spiegelten nicht mehr wieder, was ich an Kleidung eigentlich interessant und wichtig finde. Beispielsweise ihre Nutzbarkeit, Ihre Qualität, ihre Zeitlosigkeit und ihre gute Passform.
Das machte mich sehr unsicher. Was sollte ich tun? Brauchte ich neue Teile? Sollte ich etwa alles austauschen? Wie sollte das funktionieren? Wie sollte ich mir das leisten können?
Nach langen Überlegungen, inspirierenden Gespräche mit Freunden wurde mir noch klarer: Das Problem war nicht, dass ich aus meiner Kleidung „herausgewachsen“ war, sondern dass ich eine andere Einstellung zu ihr entwickelt hatte. Die wenigen Kleidungsstücke, die ich wirklich regelmäßig trug, waren praktisch, bequem, aus hochwertigen oder angenehmen Materialien, vielseitig einsetzbar und schlicht im Design.
Der nächste Schritt war offensichtlich: Alles, was ich nicht regelmäßig trage oder in dem ich mich nicht wie ich selbst fühle, musste weg. Schritt für Schritt leerte sich mein Kleiderschrank – und mit jedem Teil verschwand auch das unangenehme Gefühl, das mich jedes Mal beim Blick in den Schrank überkam.
Plötzlich hatte ich Platz, um nachzudenken: Was hatte mich getrieben, meinen Bestand dermaßen zu überdenken und zu erneuern? Zwei Faktoren traten für mich deutlich hervor:
Ein nachhaltiger Lebensstil war mir immer wichtig – ich wollte schon lange meinen Konsum einschränken und Ressourcen schonen. Kleidung und andere Gebrauchsgegenstände aus zweiter Hand hatten für mich deshalb immer „grünes Licht“. Aber ich hatte nie realisiert, dass auch zu viele Secondhand-Gegenstände letztlich den Konsum fördern. Zu viel bleibt zu viel – gerade, wenn die Sachen weder besonders haltbar noch qualitativ hochwertig sind. Denn auch diese Dinge wurden irgendwann neu produziert und belasteten damit die Umwelt.
Jetzt geht es für mich darum, so wenig wie möglich zu kaufen – egal, ob neu oder gebraucht. Gleichzeitig möchte ich einen stärkeren Bezug zu meinen Besitztümern entwickeln und ihnen im Fall von Verschleiß eine zweite Chance geben, indem ich sie repariere.
Und wenn ich etwas wirklich benötige, sollten Qualität und Nutzbarkeit oberste Priorität haben.
Credits
Fotos: Xenia Bund, Iryna Lysenko
Text: Xenia Bund
Xenia Bund
16.01.2025
5 min

Foto: Iryna Lysenko
Kaufe Secondhand-Kleidung, reise weniger und ernähre dich vegetarisch – dann du bist auf einem guten Weg, ein:e vorbildliche Weltbürger:in zu werden.
Diese Leitsätze kennen wir alle. Ich selbst habe, seit ich Geld verdiene, fast ausschließlich Secondhand-Kleidung gekauft. Aber warum eigentlich?
Weil ich für mein schmales Budget dort mehr und außergewöhnlichere Kleidungsstücke finden konnte, als es in den bekannten Fast-Fashion-Geschäften möglich gewesen wäre. Und weil ich für aktuelle Markenkleidung erst recht kein Geld zur Verfügung hatte.
Mir wurde unterschwellig früh vermittelt, dass „mehr für weniger“ erstrebenswert sei. Jedenfalls eher als auf den einen Gegenstand zu sparen, der wirklich zu hundert Prozent sitzt und all meine Erwartungen erfüllt. Also habe ich auf Flohmärkten lieber fünf T‑Shirts, drei Hosen und eine Kappe gekauft, die „ganz cool“ waren. Anstatt ein paar Monate zu sparen, um mir genau die Hose leisten zu können, die mir wirklich gefallen hätte und die wahrscheinlich von höherer Qualität und Haltbarkeit gewesen wäre.
Weil Kaufen „Spaß“ macht. Weil der Besitz von etwas Neuem ein „gutes Gefühl“ auslöst. Es ist ein Privileg, das oft als Wert angesehen wird, viele Dinge zu besitzen. Ein großer Kleiderschrank war in meiner Jugend ein erstrebenswertes Ziel. Viel Auswahl und das Gefühl, für jeden Tag ein neues Outfit zu haben, schienen wichtig, um interessant zu wirken und die Aufmerksamkeit meiner Mitmenschen zu gewinnen.

Stress! Sich jeden Morgen durch die 1001 Optionen zu wühlen, um das passende Outfit zu finden, wurde schnell zu einem frustrierenden Unterfangen. Ich trug oft Kleidung – schlichtweg, weil sie da war. Ich hatte sie schließlich gekauft und war ihr geradezu schuldig, sie wenigstens ein paar Mal zu tragen. Allerdings fühlte ich mich in meinem Körper, der in diesen wilden Kombinationen steckte, selten richtig wohl.
Mein tägliches Drama bestand aus einem zeitraubenden, anstrengenden Entscheidungsprozess, der nicht selten in einem Tag voller Selbstzweifel und Unbehagen mündete.
Natürlich wurde mir nach einigen Tragezyklen klar, dass die eine oder andere Klamotte mich nicht repräsentierte. Also sortierte ich sie aus – oft ohne schlechtes Gewissen. Die Kleidung landete in einer Kleiderkiste für den Sozialladen, auf Flohmärkten oder Secondhand-Plattformen. Und wenn ich für die aussortierten Stücke noch etwas Geld bekam, investierte ich es in neue Secondhand-Kleidung.
Dass dieses System kaputt und ungesund ist, wurde mir erst vor etwa einem halben Jahr auf schockierende Weise bewusst. Ich kaufte und verkaufte immer weiter, erfreute mich kurz an neuen Sachen, um sie dann doch wieder loszuwerden.
Eines Tages stand ich vor meinem Kleiderschrank und hatte das Gefühl, dass kein einziges Kleidungsstück zu mir passte. Ich konnte mich mit den Dingen darin nicht mehr identifizieren. Sie spiegelten nicht mehr wieder, was ich an Kleidung eigentlich interessant und wichtig finde. Beispielsweise ihre Nutzbarkeit, Ihre Qualität, ihre Zeitlosigkeit und ihre gute Passform.
Das machte mich sehr unsicher. Was sollte ich tun? Brauchte ich neue Teile? Sollte ich etwa alles austauschen? Wie sollte das funktionieren? Wie sollte ich mir das leisten können?
Nach langen Überlegungen, inspirierenden Gespräche mit Freunden wurde mir noch klarer: Das Problem war nicht, dass ich aus meiner Kleidung „herausgewachsen“ war, sondern dass ich eine andere Einstellung zu ihr entwickelt hatte. Die wenigen Kleidungsstücke, die ich wirklich regelmäßig trug, waren praktisch, bequem, aus hochwertigen oder angenehmen Materialien, vielseitig einsetzbar und schlicht im Design.
Der nächste Schritt war offensichtlich: Alles, was ich nicht regelmäßig trage oder in dem ich mich nicht wie ich selbst fühle, musste weg. Schritt für Schritt leerte sich mein Kleiderschrank – und mit jedem Teil verschwand auch das unangenehme Gefühl, das mich jedes Mal beim Blick in den Schrank überkam.
Plötzlich hatte ich Platz, um nachzudenken: Was hatte mich getrieben, meinen Bestand dermaßen zu überdenken und zu erneuern? Zwei Faktoren traten für mich deutlich hervor:
Ein nachhaltiger Lebensstil war mir immer wichtig – ich wollte schon lange meinen Konsum einschränken und Ressourcen schonen. Kleidung und andere Gebrauchsgegenstände aus zweiter Hand hatten für mich deshalb immer „grünes Licht“. Aber ich hatte nie realisiert, dass auch zu viele Secondhand-Gegenstände letztlich den Konsum fördern. Zu viel bleibt zu viel – gerade, wenn die Sachen weder besonders haltbar noch qualitativ hochwertig sind. Denn auch diese Dinge wurden irgendwann neu produziert und belasteten damit die Umwelt.
Jetzt geht es für mich darum, so wenig wie möglich zu kaufen – egal, ob neu oder gebraucht. Gleichzeitig möchte ich einen stärkeren Bezug zu meinen Besitztümern entwickeln und ihnen im Fall von Verschleiß eine zweite Chance geben, indem ich sie repariere.
Und wenn ich etwas wirklich benötige, sollten Qualität und Nutzbarkeit oberste Priorität haben.
Credits
Fotos: Xenia Bund, Iryna Lysenko
Text: Xenia Bund