Sude Acar | 27. Januar 2025 | 10 min
Mir fiel auf, wie oft ich mich selbst dabei ertappte, immer wieder zum Handy zu greifen – sei es zum Informieren, Chatten, Musik hören oder einfach nur, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich hatte auch bemerkt, dass es fast unmöglich ist, einen öffentlichen Raum wie zum Beispiel den Zug zu betreten, ohne Menschen zu sehen, die mit ihrem Handy beschäftigt sind. Ob sie gerade telefonierten, Nachrichten schickten oder einfach nur herumscrollten – jeder schien in irgendeiner Weise am Handy zu hängen.
In einer Zeit, in der das Handy fast mit dem Arm verwachsen scheint, fragte ich mich, ob es überhaupt möglich wäre, es in meinem Alltag weniger zu nutzen und mich von der Präsenz des Geräts zu lösen – besonders wenn man bedenkt, wie praktisch und selbstverständlich es mittlerweile ist: Wir sind es gewohnt, jederzeit Informationen zu recherchieren, zu kommunizieren oder Fotos zu machen. Aber ist dieser Gebrauch nicht vielleicht doch zu intensiv? Und wenn ja, was könnte ich daran ändern?
Daher suchte ich vor meinem Experiment im Internet nach Tipps, wie man die Handy-Nutzung verringern könnte. Ich konzentrierte mich auf zwei Ansätze, die mir besonders hilfreich erschienen: an den ersten Tagen dokumentierte ich meinen Handy-Konsum, um zu beobachten, wie häufig und in welchen Situationen ich das Gerät nutzte.
In den Einstellungen von Handys gibt es eine Funktion, die anzeigt, wie oft man das Handy genutzt hat und wie viele Stunden es täglich in Betrieb war. Diese Funktion war ein wichtiger Bestandteil meiner Recherche, um zu sehen, wie ich mein Handy zu Beginn verwendete. In den ersten vier bis fünf Tagen hatte ich mein Handy wie gewohnt benutzt, und meine tägliche Nutzungsdauer lag immer bei über fünf Stunden, was bereits eine erhebliche Zeit war. Diese Stundenzahl hängte ich als Plakat in meinem Zimmer auf, um mich ständig daran zu erinnern, dass ich es zu viel nutzte. Diese fünf Stunden waren immer im Hinterkopf und führten automatisch zu einem schlechten Gewissen, weil ich mir dachte, dass ich in diesen fünf Stunden auch etwas anderes hätte tun können. So wollte ich mich dazu bringen, das Handy immer wieder bewusst beiseite zu legen.
Ich führte auch ein Notizbuch, in dem ich notierte, weshalb ich das Handy verwendet hatte und wie es mich beeinflusste. Dabei fielen mir immer wieder bestimmte Wörter auf, die mit meiner Nutzung in Verbindung standen: Ablenkung, das Gefühl, nichts verpassen zu wollen, und eine Art „Doom-Scrolling“-Abhängigkeit.
Ich erkannte, dass es Zeitverschwendung war, und durch die Dokumentation stellte ich fest, dass ich das Handy nach und nach weniger benutzte. Gleichzeitig bemerkte ich, dass ich an diesen Tagen insgesamt produktiver war und mehr erledigte, ohne ständig den Drang zu verspüren, nachzusehen, ob ich etwas „verpasst“ hatte.
Es gab aber Tage, an denen ich doch wieder viel länger am Handy war, und ich musste mich immer wieder daran erinnern, warum ich dieses Experiment überhaupt startete – um produktiver zu werden und weniger vom Handy abhängig zu sein. Am achten Tag verspürte ich zum Beispiel wieder den Drang, mein Handy zu nutzen – ich konnte mich einfach nicht davon abhalten, nachzusehen, was gerade in der Welt passiert. Ich tröstete mich damit, dass ich am Vortag das Handy weniger genutzt hatte und es schien mir gerechtfertigt, nun wieder mehr Zeit damit zu verbringen. Solche Gedanken halfen mir natürlich nicht weiter, um meinem Ziel näherzukommen: die Nutzung meines Handys deutlich zu reduzieren.
Als zweiten Schritt reflektierte ich darüber, wie das Handy mein Leben und meine Umwelt beeinflusste. Ich wollte nicht nur meinen Konsum verringern, sondern auch ein besseres Verständnis für die Auswirkungen meines Handy-Konsums auf unsere Umwelt und meine eigenen Gewohnheiten entwickeln. Ich musste feststellen, dass sowohl die Produktion als auch die Entsorgung eines Handys sehr umweltschädlich sind: für die Massenproduktion werden Menschen in ärmeren Ländern ausgebeutet, um Rohstoffe wie Lithium und Kobalt zu fördern, die für die Herstellung von Handys unverzichtbar sind. Selbst viele Kinder müssen in den Minen unter lebensgefährdenden Umständen diese giftigen Materialien bergen. Diese problematischen Stoffe landen später auf Mülldeponien, die immer weiter wachsen, oder landen in den Ozeanen.
Neben diesen sozialen und ökologischen Aspekten stieß ich auf eine weitere Erkenntnis: Bereits eine Minute Gespräch mit dem Handy produziert etwa 50–60 g CO2 – jede:r Nutzer:in stößt also im Jahr rund 47 kg CO2 aus – allein über die Handynutzung. Bei 6,9 Milliarden Nutzer:innen weltweit entstehen hier mehr als 300 Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr [1]. Laut Prognosen sollen bis 2026 bereits 84 % der Weltbevölkerung ein Handy besitzen – und diese Zahl wird weiter steigen.
[1] tier1.com/the-hidden-environmental-impact-of-our-smartphones/#:~:text
Geschrieben von Lana O’Sullivan im Jahr 2024, befasst sich dieser Artikel mit der unethischen Herstellung von Handys, den Problemen, die während des Prozesses auftreten, und den enormen Auswirkungen auf die Umwelt sowie die Arbeiter, die unter diesen Umständen leiden.
Während ich mich täglich über diese Themen informierte und gleichzeitig immer wieder mit der Erinnerung konfrontiert wurde, dass ich mein Handy zu oft benutzte, setzte ich mein Experiment fort. Am letzten Tag, nach 20 Tagen, hatte ich meine Handynutzung auf nur noch ungefähr 1,5 Stunden reduziert. Meine Notizen zeigten mir auch genau das, was ich mit meinem Experiment erreichen wollte: die Einsicht, dass das Handy eher gegen mich arbeitet als für mich, besonders wenn es darum ging, meine eigenen Aufgaben zu erledigen und selbstständig voranzukommen.
Durch dieses Selbstexperiment und meine Recherche erkannte ich, dass das Handy tatsächlich einen viel größeren Platz in meinem Leben einnimmt als gedacht. Mir wurde auch klar, wie sehr ich das Handy oft als Ablenkung anwende und wie viele andere, produktivere Lösungen es gibt, um sich zu beschäftigen. Die Frage, ob ich diese Ablenkung oder Unterhaltung wirklich „brauchte“, konnte ich ganz oft mit „nein“ beantworten.
Wer auch vorhat, seinen Handy-Konsum zu verringern, um nicht nur sich selbst, sondern auch der Umwelt etwas Gutes zu tun, muss sich auf Rückschläge einstellen. Doch anstatt sofort aufzugeben, sollte man versuchen, den nächsten Tag als neuen Anfang zu sehen und es wieder zu probieren. Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass es auch anders geht und dass man seine Gewohnheiten verändern kann.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es mittlerweile als normal gilt, mehrere Stunden am Tag mit dem Handy zu verbringen – und es scheint, als ob diese „Normalität“ in der Zukunft noch zunehmen wird. Dennoch kann ich jedem wärmstens empfehlen, das Handy einfach mal zur Seite zu legen, dabei nicht nur CO2 zu sparen, sondern auch Zeit für andere, wertvollere Dinge zu finden, wie etwa ein gutes Buch.
Credits
Zeichnung und Fotos: Sude Acar
Text: Sude Acar
Sude Acar
27. Januar 2025
10 min
Mir fiel auf, wie oft ich mich selbst dabei ertappte, immer wieder zum Handy zu greifen – sei es zum Informieren, Chatten, Musik hören oder einfach nur, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich hatte auch bemerkt, dass es fast unmöglich ist, einen öffentlichen Raum wie zum Beispiel den Zug zu betreten, ohne Menschen zu sehen, die mit ihrem Handy beschäftigt sind. Ob sie gerade telefonierten, Nachrichten schickten oder einfach nur herumscrollten – jeder schien in irgendeiner Weise am Handy zu hängen.
In einer Zeit, in der das Handy fast mit dem Arm verwachsen scheint, fragte ich mich, ob es überhaupt möglich wäre, es in meinem Alltag weniger zu nutzen und mich von der Präsenz des Geräts zu lösen – besonders wenn man bedenkt, wie praktisch und selbstverständlich es mittlerweile ist: Wir sind es gewohnt, jederzeit Informationen zu recherchieren, zu kommunizieren oder Fotos zu machen. Aber ist dieser Gebrauch nicht vielleicht doch zu intensiv? Und wenn ja, was könnte ich daran ändern?
Daher suchte ich vor meinem Experiment im Internet nach Tipps, wie man die Handy-Nutzung verringern könnte. Ich konzentrierte mich auf zwei Ansätze, die mir besonders hilfreich erschienen: an den ersten Tagen dokumentierte ich meinen Handy-Konsum, um zu beobachten, wie häufig und in welchen Situationen ich das Gerät nutzte.
In den Einstellungen von Handys gibt es eine Funktion, die anzeigt, wie oft man das Handy genutzt hat und wie viele Stunden es täglich in Betrieb war. Diese Funktion war ein wichtiger Bestandteil meiner Recherche, um zu sehen, wie ich mein Handy zu Beginn verwendete. In den ersten vier bis fünf Tagen hatte ich mein Handy wie gewohnt benutzt, und meine tägliche Nutzungsdauer lag immer bei über fünf Stunden, was bereits eine erhebliche Zeit war. Diese Stundenzahl hängte ich als Plakat in meinem Zimmer auf, um mich ständig daran zu erinnern, dass ich es zu viel nutzte. Diese fünf Stunden waren immer im Hinterkopf und führten automatisch zu einem schlechten Gewissen, weil ich mir dachte, dass ich in diesen fünf Stunden auch etwas anderes hätte tun können. So wollte ich mich dazu bringen, das Handy immer wieder bewusst beiseite zu legen.
Ich führte auch ein Notizbuch, in dem ich notierte, weshalb ich das Handy verwendet hatte und wie es mich beeinflusste. Dabei fielen mir immer wieder bestimmte Wörter auf, die mit meiner Nutzung in Verbindung standen: Ablenkung, das Gefühl, nichts verpassen zu wollen, und eine Art „Doom-Scrolling“-Abhängigkeit.
Ich erkannte, dass es Zeitverschwendung war, und durch die Dokumentation stellte ich fest, dass ich das Handy nach und nach weniger benutzte. Gleichzeitig bemerkte ich, dass ich an diesen Tagen insgesamt produktiver war und mehr erledigte, ohne ständig den Drang zu verspüren, nachzusehen, ob ich etwas „verpasst“ hatte.
Es gab aber Tage, an denen ich doch wieder viel länger am Handy war, und ich musste mich immer wieder daran erinnern, warum ich dieses Experiment überhaupt startete – um produktiver zu werden und weniger vom Handy abhängig zu sein. Am achten Tag verspürte ich zum Beispiel wieder den Drang, mein Handy zu nutzen – ich konnte mich einfach nicht davon abhalten, nachzusehen, was gerade in der Welt passiert. Ich tröstete mich damit, dass ich am Vortag das Handy weniger genutzt hatte und es schien mir gerechtfertigt, nun wieder mehr Zeit damit zu verbringen. Solche Gedanken halfen mir natürlich nicht weiter, um meinem Ziel näherzukommen: die Nutzung meines Handys deutlich zu reduzieren.
Als zweiten Schritt reflektierte ich darüber, wie das Handy mein Leben und meine Umwelt beeinflusste. Ich wollte nicht nur meinen Konsum verringern, sondern auch ein besseres Verständnis für die Auswirkungen meines Handy-Konsums auf unsere Umwelt und meine eigenen Gewohnheiten entwickeln. Ich musste feststellen, dass sowohl die Produktion als auch die Entsorgung eines Handys sehr umweltschädlich sind: für die Massenproduktion werden Menschen in ärmeren Ländern ausgebeutet, um Rohstoffe wie Lithium und Kobalt zu fördern, die für die Herstellung von Handys unverzichtbar sind. Selbst viele Kinder müssen in den Minen unter lebensgefährdenden Umständen diese giftigen Materialien bergen. Diese problematischen Stoffe landen später auf Mülldeponien, die immer weiter wachsen, oder landen in den Ozeanen.
Neben diesen sozialen und ökologischen Aspekten stieß ich auf eine weitere Erkenntnis: Bereits eine Minute Gespräch mit dem Handy produziert etwa 50–60 g CO2 – jede:r Nutzer:in stößt also im Jahr rund 47 kg CO2 aus – allein über die Handynutzung. Bei 6,9 Milliarden Nutzer:innen weltweit entstehen hier mehr als 300 Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr [1]. Laut Prognosen sollen bis 2026 bereits 84 % der Weltbevölkerung ein Handy besitzen – und diese Zahl wird weiter steigen.
[1] tier1.com/the-hidden-environmental-impact-of-our-smartphones/#:~:text
Geschrieben von Lana O’Sullivan im Jahr 2024, befasst sich dieser Artikel mit der unethischen Herstellung von Handys, den Problemen, die während des Prozesses auftreten, und den enormen Auswirkungen auf die Umwelt sowie die Arbeiter, die unter diesen Umständen leiden.
Während ich mich täglich über diese Themen informierte und gleichzeitig immer wieder mit der Erinnerung konfrontiert wurde, dass ich mein Handy zu oft benutzte, setzte ich mein Experiment fort. Am letzten Tag, nach 20 Tagen, hatte ich meine Handynutzung auf nur noch ungefähr 1,5 Stunden reduziert. Meine Notizen zeigten mir auch genau das, was ich mit meinem Experiment erreichen wollte: die Einsicht, dass das Handy eher gegen mich arbeitet als für mich, besonders wenn es darum ging, meine eigenen Aufgaben zu erledigen und selbstständig voranzukommen.
Durch dieses Selbstexperiment und meine Recherche erkannte ich, dass das Handy tatsächlich einen viel größeren Platz in meinem Leben einnimmt als gedacht. Mir wurde auch klar, wie sehr ich das Handy oft als Ablenkung anwende und wie viele andere, produktivere Lösungen es gibt, um sich zu beschäftigen. Die Frage, ob ich diese Ablenkung oder Unterhaltung wirklich „brauchte“, konnte ich ganz oft mit „nein“ beantworten.
Wer auch vorhat, seinen Handy-Konsum zu verringern, um nicht nur sich selbst, sondern auch der Umwelt etwas Gutes zu tun, muss sich auf Rückschläge einstellen. Doch anstatt sofort aufzugeben, sollte man versuchen, den nächsten Tag als neuen Anfang zu sehen und es wieder zu probieren. Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass es auch anders geht und dass man seine Gewohnheiten verändern kann.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es mittlerweile als normal gilt, mehrere Stunden am Tag mit dem Handy zu verbringen – und es scheint, als ob diese „Normalität“ in der Zukunft noch zunehmen wird. Dennoch kann ich jedem wärmstens empfehlen, das Handy einfach mal zur Seite zu legen, dabei nicht nur CO2 zu sparen, sondern auch Zeit für andere, wertvollere Dinge zu finden, wie etwa ein gutes Buch.
Credits
Zeichnung und Fotos: Sude Acar
Text: Sude Acar