Milan Schmidt | 30. Juni 2026 | 10min

Diese Arbeit geht von der These aus, dass sich Unsichtbarkeit unter digitalen Bedingungen zu einem Privileg entwickelt hat. Nicht alle können sich gleichermaßen entziehen, nicht alle werden gleich überwacht. Sichtbarkeit ist ungleich verteilt, so wie die Möglichkeit, sie zu verweigern. An der Schnittstelle von digitaler Teilhabe, Überwachungskapitalismus und staatlicher Kontrolle wird deutlich, dass Überwachung kein technisches Randphänomen ist, sondern Ausdruck bestehender Machtverhältnisse.
Online-Präsenz ist heutzutage allgegenwärtig. Es braucht eine Vielzahl an Followern, um gesehen und validiert zu werden. Wir kommentieren, liken und teilen alles, was uns interessiert. Es scheint, als wäre es unsere zweite Natur, an Kommunikationsmaschinen angeschlossen zu sein, die uns abseits unseres Alltags repräsentieren. Nirgendwo sonst haben wir mittlerweile so viel Kontakt zu anderen wie über diese Netzwerke. Wir tauschen uns nicht nur aus. Wir vergleichen uns, machen eine Art Wettbewerb aus Dingen, die zu den simpelsten unserer Natur gehören.
Laufen zum Beispiel. Was braucht man zum Laufen gehen? Ein paar gute Schuhe und geeignete Kleidung. Musik wäre auch nicht schlecht, sonst wird einem ja langweilig. Noch besser ist es, wenn ich mir einen Tracker umschnalle, der allen Leuten zeigt, dass ich heute laufen gegangen bin und wo ich war, wie gut mein Herz funktioniert und auf welche Parkbank ich mich in der Pause gesetzt habe. Klingt doch verlockend. Aus einer sportlichen Routine mache ich einen Akt der persönlichen Selbstinszenierung und finde so meine passende Community.
Diese Sichtbarkeit erscheint einem in erster Linie vielleicht als eine Art Selbstverwirklichung. Mittlerweile ist sie aber viel mehr eine Voraussetzung geworden. Sie reicht von sozialer Erreichbarkeit über den beruflichen Anschluss bis hin zur kulturellen Anerkennung. Doch die Abhängigkeit von Sichtbarkeit ist nicht gleich verteilt. Menschen, die ohnehin auf Bedürfnisse wie einen Job oder eine Wohnung angewiesen sind, müssen sichtbar sein, um Zugang zu erhalten.
[1] https://www.schulmeister-consulting.com/de/magazin/karriere-magazin-uebersicht/detail/karrieresprung-oder-karriereknick-so wirkt-sich-social-media-auf-deine-karriere-aus – 21.01.2026
Menschen, die ein WG-Zimmer oder eine Wohnung suchen, werden leichter auf freie Angebote aufmerksam, wenn sie online präsent sind. Auch hier ist beim Casting der Instagram-Handle oft Voraussetzung, um eingeladen zu werden. Dieser Backgroundcheck vereinfacht den Castenden die Auswahl unter den Bewerber*innen. Doch was passiert, wenn nichts zu finden ist?
Studien zur Nutzung sozialer Netzwerke weisen darauf hin, dass intensive Präsenz in digitalen Öffentlichkeiten mit sozialen Belastungen einhergeht. Eine Untersuchung der Universität Pittsburgh zeigt etwa, dass Personen mit sehr hoher täglicher Social-Media-Nutzung signifikant häufiger von sozialer Isolation berichten. [2]
[2] https://www.upmc.com/media/news/012219-primack-sidani-posneg 6
Entscheidend ist weniger die Frage nach einer klaren Ursache als die strukturelle Abhängigkeit von digitaler Sichtbarkeit. Soziale Plattformen sind zu zentralen Räumen gesellschaftlicher Teilhabe geworden, in denen Präsenz vorausgesetzt ist. Wer sichtbar sein muss, ist gezwungen, diese Räume dauerhaft zu nutzen, auch trotz möglicher negativer Folgen. Die Frage bleibt, wer von diesen Datenmengen profitiert, wenn nicht wir als Nutzer*innen.
„Die technologische Revolution, die mit so vielen Freiheits- und Ermächtigungsversprechen begann, ist zu einem kollektiven faustischen Albtraum geworden. Wer von uns möchte tatsächlich ohne die Informationen und Verbindungen leben, die uns die Technologie ermöglicht? Aber wer hätte geahnt, dass dies auf Kosten demokratischer Prinzipien, persönlicher Kontrolle und sozialen Vertrauens gehen würde?“ [3]
[3] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014) von Shoshana Zuboff: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, heraus gegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 39–40
Was als freiwillige Nutzung begann, ist zunehmend zur Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe geworden, ein digitaler Zwang. Er zeigt sich im Alltag, etwa bei der Paketabholung, beim Semesterticket im ÖPNV oder beim Abrufen von Speisekarten per QR-Code. Oft geht es dabei nicht mehr um Bequemlichkeit, sondern überhaupt um Zugang, der nur noch über das Smartphone möglich ist — wie etwa bei Ryanair oder den DHL-Packstationen. Diese Abhängigkeit von digitaler Sichtbarkeit beruht auf datenbasierten Geschäftsmodellen, die kontinuierliche Präsenz und Interaktion voraussetzen. Sichtbarkeit ist damit nicht nur sozial, sondern auch ökonomisch verwertbar.
„Und ein weiterer bedrückender Trend zeichnet sich ab: Wenn wir Menschen durch diese Vernetzung nur noch die Summe unserer Daten sind, in unseren Gewohnheiten und Vorlieben komplett abgebildet und ausgerechnet, dann ist der gläserne Konsumbürger der neue Archetyp des Menschen. Schon heute ist es das Geschäftsmodell von Facebook und anderen, unsere emotionalen Regungen und sozialen Beziehungen in ein ökonomisches Verwertungsmodell zu überführen und unsere Daten gewinnbringend zu nutzen. Wenn die Messung unseres Augenzwinkerns oder die Beschleunigung unseres Pulses beim Ansehen bestimmter Produkte in Echtzeit in die Datenbank von multinationalen Konzernen fließen, ist der neue Mensch nur noch die Summe seiner Reflexe, und er wird biologistisch komplett determiniert. […]
Was bedeutet es, wenn wir bald nicht nur im Büro, sondern auch im Haushalt, im Auto, überall gelesen werden und ein Abbild von uns erstellt wird, das der Bundespräsident den »digitalen Zwilling« nennt und von dem wir nicht wissen, wer ihn wie zusammensetzt.“ [4]
[4] Warum wir jetzt kämpfen müssen (6. Februar 2014) von Martin Schulz: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 19–20
Die Metapher der Cloud suggeriert eine weiche, weiße Wolke, etwas Fernes und Unkontrollierbares, das über uns schwebt. Eine Naturgewalt, der man sich anvertraut. Tatsächlich haben Tech Konzerne diese Wolke auf den Boden geholt und in eine hochgradig materielle Infrastruktur übersetzt. Was als unsichtbar erscheint, ist in Wirklichkeit ein globales Netzwerk aus Rechenzentren, Servern und Unterseekabeln, das enorme ökologische Kosten verursacht. Die Vorstellung digitaler Überwachung als immaterieller Prozess verdeckt ihre materiellen Grundlagen:
Jede gespeicherte Bewegung, jede analysierte Interaktion und jede algorithmische Prognose beruht auf physischer Infrastruktur. Michael Klipphahn-Karge zeigt in dem Buch „Bildökologie“ auf, was es den Planeten kostet, wenn er täglich fünf Milliarden Mal mit dem Smartphone fotografiert wird. Dabei geht er auch umfassend auf die physischen Formen des weltweiten Datenverkehrs ein.
„Kl-Algorithmen zu trainieren, die in smarten Digitalanwendungen wie Apps omnipräsent sind, macht sogar noch wesentlich größere Rechenzentren erforderlich, da dafür immer mehr Leistung gebraucht wird: Meta plant deshalb im US-Bundesstaat Louisiana ein Rechenzentrum, das so groß ist wie halb Manhattan. Analysen zufolge könnten solchen Zentren bis 2030 weltweit rund zweieinhalb Milliarden Tonnen Treibhausgase ausstoßen, was einer Verdreifachung gegenüber Szenarien vor der steigenden Kl-Nachfrage entspricht. In den USA ist es schon jetzt so weit: Die CO,-Emissionen von Serverfarmen haben sich seit 2018 verdreifacht, jährlich verursachen sie mittlerweile circa zwei Prozent der nationalen Menge an Treibhausgasen.“ [5]
[5] Michael Klipphahn-Karge: Bildökologie – Digitale Bildkulturen, 1. Auflage, Wagenbach Verlag, 2025
Doch warum überwachen uns unsere scheinbaren Dienstleister überhaupt?
Das primäre Ziel liegt nicht in der Durchsetzung von Recht und Sicherheit, sondern darin, potenzielle Kundinnen und Kunden transparent, berechenbar und vorhersagbar zu machen. Der globale Markt für Datenbroker wurde im Jahr 2021 auf 240,3 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2031 voraussichtlich auf 462,4 Milliarden US-Dollar anwachsen. [6]
[6] https://www.transparencymarketresearch.com/data-brokers-market.html https://de.norton.com/blog/privacy/data-brokers
Datenbroker sind privatwirtschaftliche Unternehmen, die personenbezogene Informationen aus unterschiedlichen Quellen sammeln, zusammenführen, analysieren und weiterverwerten. Dazu zählen Online-Aktivitäten, soziale Medien, Apps, öffentlich zugängliche Register, Kreditkarten- sowie Handels- und Verhaltensdaten, die über Tracking erfasst werden. Diese Informationen werden zusammengeführt, zu Profilen verdichtet und an Dritte verkauft oder lizenziert. Genutzt werden sie vor allem für personalisierte Werbung, Marktanalysen, Risikobewertungen und Prognosen. Besonders Branchen wie Finanzwesen, IT, Gesundheitssektor sowie Investment- und Beteiligungsgesellschaften greifen darauf zurück, um wirtschaftliche Entscheidungen datenbasiert abzusichern.
„In Großbritannien gab Barclays Pläne bekannt, Daten wie Fotos, Tonaufzeichnungen, Kommentare in sozialen Medien und Standortdaten von Mobiltelefon-Apps zu verkaufen. […] Es könnte Ihnen passieren, dass Ihre Blutdruckwerte an Ihre Bank oder Ihre Versicherung gehen und dort zur Bewertung Ihrer Kreditwürdigkeit oder Ihrer Versicherungsrisiken benutzt werden.“ [7]
[7] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014), in: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 42–43
Der Politikwissenschaftler Reg Whitaker betont, dass große Datenbanken ähnlich wie Geheimdienstakten funktionieren: sie werden gezielt angelegt, erweitert und verstärken sich selbst. Anders als staatliche Überwachung betrachten private Betreiber Informationen vor allem als Ware, wodurch bereits die privatwirtschaftliche Datensammlung Strukturen von Kontrolle, Prognose und Verwertbarkeit erzeugt.
„In ihrer Systematik und Zweckbestimmtheit ähneln Datenbanken in gewisser Weise den Akten oder Dossiers von Geheimdiensten und Sicherheitspolizei. Auch diese werden zielgerichtet zusammengestellt und geordnet und sollen einem bestimmten Zweck dienen. Beide können laufend ergänzt und ausgebaut werden. Und noch etwas haben sie gemeinsam: Sie sind auf sich selber rückgekoppelt, das heißt, sie speisen sich aus sich selbst. Je größer und detaillierter die Datenbank oder Akte ist, desto mehr nützliche Informationen liefert sie.
Datenbanken sind den Nachforschungen der Geheimdienste vergleichbar. Je mehr Informationen man sammelt, desto mehr Hinweise ergeben sich, die zu weiteren Quellen führen.[…] Datenbankbetreiber hingegen betrachten ihre Informationen eher als Handelsware, die verkauft werden kann und verkauft werden soll. Hindernisse für eine Vermarktung von Daten werden normalerweise von außen her errichtet: durch Gesetze und Regierungsvorschriften, freiwillige Verhaltensregeln der Industrie und sogar den Wettbewerbsdruck bestimmter Märkte.“ [8]
[8] Reg Whitaker: Das Ende der Privatheit, Überwachung, Macht und soziale Kontrolle im Informationszeitalter, 1. Auflage, Verlag Antje Kunstmann, 1999, hier Seite 155f
Neben der kommerziellen Nutzung digitaler Daten wächst zunehmend auch das Interesse staatlicher Akteure an umfangreichen, privat erhobenen Datenbeständen. In den USA haben Behörden wie Immigration and Customs Enforcement (ICE) Verträge mit Datenbrokern abgeschlossen, um für Ermittlungszwecke auf kommerziell gesammelte Informationen zurückzugreifen. Diese Praxis ermöglicht es staatlichen Stellen, umfassende Daten über Personen zu erhalten, darunter Aufenthaltsorte, Mobilitätsmuster oder andere sensible Informationen, ohne auf klassische Ermittlungsinstrumente oder richterliche Anordnungen angewiesen zu sein. [9]
[9] https://netzpolitik.org/2026/us-einwanderungsbehoerde-mit-palantir-und-paragon-auf-migrantenjagd
Damit verschiebt sich staatliche Überwachung zunehmend in Bereiche, die bislang außerhalb formeller rechtsstaatlicher Verfahren lagen.
Ein Risiko dieser Entwicklung ergibt sich aus dem sogenannten Mosaic-Effekt. Durch die Zusammenführung zahlreicher einzelner Datensätze lassen sich detaillierte Persönlichkeitsprofile erstellen, die weit über das hinausgehen, was isolierte Informationen preisgeben würden. Gerade diese verdichteten Profile sind für Sicherheitsbehörden besonders attraktiv, da sie komplexe Zusammenhänge und Muster sichtbar machen, die sich traditionellen Kontrollmechanismen entziehen. Überwachung erfolgt damit nicht mehr ausschließlich auf Grundlage konkreter Verdachtsmomente, sondern zunehmend durch datenbasierte Wahrscheinlichkeiten und algorithmische Korrelationen. Die Soziologin Shoshana Zuboff beschreibt diese Entwicklung als eine neue Machtkonstellation zwischen Staat und Privatwirtschaft, die jenseits demokratischer Kontrolle operiert:
„Man benutzt Technologie als trojanisches Pferd eines bislang noch kaum verstandenen Joint Ventures zwischen staatlichen und privaten Institutionen, das eine beispiellose Macht über die Information gewährleistet. Dieser Machtblock operiert jenseits der Kontrolle durch uns als Bürger und Konsumenten. Ich bezeichne ihn als militärisch-informationellen Komplex, weil er seine Macht aus der Produktion und dem Einsatz neuer, wie ich es nennen möchte, »Massenausforschungswaffen« bezieht, die aus Daten und dem technischen Apparat zu deren Erwerb, Analyse und Speicherung bestehen.“ [7]
[7] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014), in: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 42–43
Zuboff verweist zudem auf die enge Verflechtung von Geheimdiensten und Technologieunternehmen im Kontext globaler Sicherheitsstrategien und beschreibt, wie digitale Infrastrukturen zunehmend militärisch und geheimdienstlich nutzbar gemacht werden:
„Dann folgten fieberhafte Bemühungen um die Entwicklung der ausgeklügeltsten Waffen. Der einzige Unter schied zum vergangenen Jahrhundert liegt darin, dass die Waffen heute aus Daten und den Techniken ihrer Analyse und Kontrolle bestehen. Die NSA und andere Geheimdienste haben unsere Daten im »Krieg gegen den Terror« zu Waffen gemacht. […] Silicon Valley sollte dabei ein Verbündeter, eine Zielscheibe oder beides zugleich sein.“ [7]
[7] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014), in: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 42–43
Diese Entwicklung zeigt sich exemplarisch im Einsatz algorithmischer Analyseplattformen im polizeilichen und sicherheitspolitischen Kontext. Ein zentrales Beispiel ist die Softwareplattform Gotham des US-Unternehmens Palantir Technologies. Palantir zählt zu den einflussreichsten Anbietern staatlicher Datenanalyse und unterhält enge Beziehungen zu militärischen, geheimdienstlichen und polizeilichen Institutionen in den USA und Europa.
Gotham ist eine datenanalytische Plattform, die große Mengen heterogener Daten aus unterschiedlichen Quellen in einem zentralen System zusammenführt, darunter polizeiliche Datenbanken, Kommunikations- und Telefondaten, Sozial- und Bewegungsdaten, Finanztransaktionen sowie Informationen aus sozialen Medien und öffentlich zugänglichen Online-Quellen. Mithilfe von Mustererkennung, Netzwerk- und Graphanalyse sowie teilweise künstlicher Intelligenz werden Verbindungen zwischen Einzeldaten sichtbar gemacht und verdeckte Zusammenhänge identifiziert. [10]
[10] https://vernetztesicherheit.de/palantir-software-background-and-description/ – 20.01.2026
Ermittlerinnen und Ermittler können so in kurzer Zeit komplexe Beziehungsgeflechte zwischen Personen, Orten und Ereignissen analysieren, die mit klassischen Ermittlungsansätzen kaum erkennbar wären. In Deutschland ist Palantirs Technologie seit mehreren Jahren bei verschiedenen Landespolizeien im Einsatz, häufig unter eigenen Bezeichnungen. In Bayern wird sie unter dem Namen VeRA (Verfahrensübergreifende Recherche- und Analyseplattform) genutzt, in Hessen unter der Bezeichnung HessenData. Der Einsatz wird vor allem im Zusammenhang mit Terrorismusbekämpfung und organisierter Kriminalität legitimiert. Problematisch ist jedoch, dass die Software auch Profile von Personen erstellt, die lediglich als Zeuginnen, Kontaktpersonen oder unbeteiligte Dritte in polizeilichen Datenbanken erfasst sind.
Damit geraten potenziell Menschen in den Fokus staatlicher Analyseprozesse, ohne jemals eine Straftat begangen zu haben oder davon zu erfahren. Hinzu kommt die mangelnde Transparenz dieser Software. Die genaue Funktionsweise der Algorithmen ist nicht öffentlich bekannt und unterliegt dem Geschäftsgeheimnis des Unternehmens. Palantir entsendet eigenes Personal in deutsche Behörden, um Betrieb und Wartung zu übernehmen. Dadurch wird eine unabhängige demokratische Kontrolle erheblich erschwert, da unternehmensfremde Akteure potenziell Zugriff auf umfangreiche Datensätze, wie die von etwa 30 Millionen deutschen erhalten. [11]
[11] https://www.campact.de/blog/2025/07/palantir-software-gotham-vera-thiel-polizei/ – 20.01.2026
https://prism.sustainability-directory.com/scenario/algorithmic-transparency-in-smart-governance-systems – 20.01.2026
Besonders problematisch ist der Umgang mit Datenschutz und rechtsstaatlichen Prinzipien. Anders als klassische Ermittlungsarbeit, die auf konkreten Verdachtsmomenten beruht, arbeiten algorithmische Systeme mit Wahrscheinlichkeiten. Verdacht entsteht dabei nicht mehr aus einem bestimmten Verhalten, sondern aus statistischer Nähe zu Merkmalen, Kontakten oder Mustern. Menschen geraten ins Visier staatlicher Überwachung, weil sie rechnerisch mit anderen Personen, Orten oder Ereignissen in Verbindung gebracht werden. Dadurch verschiebt sich der Fokus staatlicher Kontrolle: Nicht tatsächliche Taten stehen im Mittelpunkt, sondern mögliche Risiken.
Da diese Systeme auf bestehenden Daten aufbauen, übernehmen sie auch die Vorurteile und Ungleichheiten, die in diesen Daten enthalten sind. Polizeiliche Daten sind nicht neutral, sondern zeigen, welche Gruppen häufiger kontrolliert oder erfasst werden. Werden solche Daten automatisiert ausgewertet, besteht die Gefahr, dass Diskriminierung weiter verstärkt wird. Der Einsatz algorithmischer Überwachung ist deshalb nicht nur ein Problem des Datenschutzes, sondern auch der Demokratie. Wenn staatliche Entscheidungen auf intransparenten technischen Systemen beruhen, können Betroffene nicht nachvollziehen, wie sie zustande kommen, und sich kaum dagegen wehren. Die Verantwortung staatlichen Handelns wird dabei zunehmend auf technische Systeme verschoben, während zentrale Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Legitimation weiter schwinden.
Überwachung wird oft als Sicherheit verkauft, dabei ist sie nie neutral. Sie entsteht aus bestehenden Machtverhältnissen, bildet diese ab und verstärkt sie. Überwacht wird, wer abhängig, sichtbar oder angreifbar ist: Menschen, die widersprechen, sich organisieren oder sich nicht einfach entziehen können. Digitale Überwachung speichert, verknüpft und bewertet heute, was früher soziale Kontrolle war. Polizeigesetze, Gesichtserkennung oder die Kriminalisierung von Protesten zeigen: Es geht nicht um neutrale Sicherheit, sondern um die Absicherung bestehender Machtverhältnisse.
Überwachung beginnt nicht erst beim Staat, sondern im Alltag, bei Arbeit, Organisation und politischer Sichtbarkeit. Ziel ist nicht völlige Unsichtbarkeit, sondern die Freiheit, sich bewegen und teilhaben zu können, ohne alles preiszugeben. Wird totale Erfassung normal, wird somit private Unsichtbarkeit zur Voraussetzung für politische Handlungsmacht. Wo Überwachung normalisiert wird, normalisiert sich Repression.
Credits
Fotos: Apple Data Center, Screenshot: Google Earth © Google, 2026
Text: Milan Schmidt
Milan Schmidt | 30. Juni 2026 | 10min

Diese Arbeit geht von der These aus, dass sich Unsichtbarkeit unter digitalen Bedingungen zu einem Privileg entwickelt hat. Nicht alle können sich gleichermaßen entziehen, nicht alle werden gleich überwacht. Sichtbarkeit ist ungleich verteilt, so wie die Möglichkeit, sie zu verweigern. An der Schnittstelle von digitaler Teilhabe, Überwachungskapitalismus und staatlicher Kontrolle wird deutlich, dass Überwachung kein technisches Randphänomen ist, sondern Ausdruck bestehender Machtverhältnisse.
Online-Präsenz ist heutzutage allgegenwärtig. Es braucht eine Vielzahl an Followern, um gesehen und validiert zu werden. Wir kommentieren, liken und teilen alles, was uns interessiert. Es scheint, als wäre es unsere zweite Natur, an Kommunikationsmaschinen angeschlossen zu sein, die uns abseits unseres Alltags repräsentieren. Nirgendwo sonst haben wir mittlerweile so viel Kontakt zu anderen wie über diese Netzwerke. Wir tauschen uns nicht nur aus. Wir vergleichen uns, machen eine Art Wettbewerb aus Dingen, die zu den simpelsten unserer Natur gehören.
Laufen zum Beispiel. Was braucht man zum Laufen gehen? Ein paar gute Schuhe und geeignete Kleidung. Musik wäre auch nicht schlecht, sonst wird einem ja langweilig. Noch besser ist es, wenn ich mir einen Tracker umschnalle, der allen Leuten zeigt, dass ich heute laufen gegangen bin und wo ich war, wie gut mein Herz funktioniert und auf welche Parkbank ich mich in der Pause gesetzt habe. Klingt doch verlockend. Aus einer sportlichen Routine mache ich einen Akt der persönlichen Selbstinszenierung und finde so meine passende Community.
Diese Sichtbarkeit erscheint einem in erster Linie vielleicht als eine Art Selbstverwirklichung. Mittlerweile ist sie aber viel mehr eine Voraussetzung geworden. Sie reicht von sozialer Erreichbarkeit über den beruflichen Anschluss bis hin zur kulturellen Anerkennung. Doch die Abhängigkeit von Sichtbarkeit ist nicht gleich verteilt. Menschen, die ohnehin auf Bedürfnisse wie einen Job oder eine Wohnung angewiesen sind, müssen sichtbar sein, um Zugang zu erhalten.
[1] https://www.schulmeister-consulting.com/de/magazin/karriere-magazin-uebersicht/detail/karrieresprung-oder-karriereknick-so wirkt-sich-social-media-auf-deine-karriere-aus – 21.01.2026
Menschen, die ein WG-Zimmer oder eine Wohnung suchen, werden leichter auf freie Angebote aufmerksam, wenn sie online präsent sind. Auch hier ist beim Casting der Instagram-Handle oft Voraussetzung, um eingeladen zu werden. Dieser Backgroundcheck vereinfacht den Castenden die Auswahl unter den Bewerber*innen. Doch was passiert, wenn nichts zu finden ist?
Studien zur Nutzung sozialer Netzwerke weisen darauf hin, dass intensive Präsenz in digitalen Öffentlichkeiten mit sozialen Belastungen einhergeht. Eine Untersuchung der Universität Pittsburgh zeigt etwa, dass Personen mit sehr hoher täglicher Social-Media-Nutzung signifikant häufiger von sozialer Isolation berichten. [2]
[2] https://www.upmc.com/media/news/012219-primack-sidani-posneg 6
Entscheidend ist weniger die Frage nach einer klaren Ursache als die strukturelle Abhängigkeit von digitaler Sichtbarkeit. Soziale Plattformen sind zu zentralen Räumen gesellschaftlicher Teilhabe geworden, in denen Präsenz vorausgesetzt ist. Wer sichtbar sein muss, ist gezwungen, diese Räume dauerhaft zu nutzen, auch trotz möglicher negativer Folgen. Die Frage bleibt, wer von diesen Datenmengen profitiert, wenn nicht wir als Nutzer*innen.
„Die technologische Revolution, die mit so vielen Freiheits- und Ermächtigungsversprechen begann, ist zu einem kollektiven faustischen Albtraum geworden. Wer von uns möchte tatsächlich ohne die Informationen und Verbindungen leben, die uns die Technologie ermöglicht? Aber wer hätte geahnt, dass dies auf Kosten demokratischer Prinzipien, persönlicher Kontrolle und sozialen Vertrauens gehen würde?“ [3]
[3] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014) von Shoshana Zuboff: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, heraus gegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 39–40
Was als freiwillige Nutzung begann, ist zunehmend zur Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe geworden, ein digitaler Zwang. Er zeigt sich im Alltag, etwa bei der Paketabholung, beim Semesterticket im ÖPNV oder beim Abrufen von Speisekarten per QR-Code. Oft geht es dabei nicht mehr um Bequemlichkeit, sondern überhaupt um Zugang, der nur noch über das Smartphone möglich ist — wie etwa bei Ryanair oder den DHL-Packstationen. Diese Abhängigkeit von digitaler Sichtbarkeit beruht auf datenbasierten Geschäftsmodellen, die kontinuierliche Präsenz und Interaktion voraussetzen. Sichtbarkeit ist damit nicht nur sozial, sondern auch ökonomisch verwertbar.
„Und ein weiterer bedrückender Trend zeichnet sich ab: Wenn wir Menschen durch diese Vernetzung nur noch die Summe unserer Daten sind, in unseren Gewohnheiten und Vorlieben komplett abgebildet und ausgerechnet, dann ist der gläserne Konsumbürger der neue Archetyp des Menschen. Schon heute ist es das Geschäftsmodell von Facebook und anderen, unsere emotionalen Regungen und sozialen Beziehungen in ein ökonomisches Verwertungsmodell zu überführen und unsere Daten gewinnbringend zu nutzen. Wenn die Messung unseres Augenzwinkerns oder die Beschleunigung unseres Pulses beim Ansehen bestimmter Produkte in Echtzeit in die Datenbank von multinationalen Konzernen fließen, ist der neue Mensch nur noch die Summe seiner Reflexe, und er wird biologistisch komplett determiniert. […]
Was bedeutet es, wenn wir bald nicht nur im Büro, sondern auch im Haushalt, im Auto, überall gelesen werden und ein Abbild von uns erstellt wird, das der Bundespräsident den »digitalen Zwilling« nennt und von dem wir nicht wissen, wer ihn wie zusammensetzt.“ [4]
[4] Warum wir jetzt kämpfen müssen (6. Februar 2014) von Martin Schulz: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 19–20
Die Metapher der Cloud suggeriert eine weiche, weiße Wolke, etwas Fernes und Unkontrollierbares, das über uns schwebt. Eine Naturgewalt, der man sich anvertraut. Tatsächlich haben Tech Konzerne diese Wolke auf den Boden geholt und in eine hochgradig materielle Infrastruktur übersetzt. Was als unsichtbar erscheint, ist in Wirklichkeit ein globales Netzwerk aus Rechenzentren, Servern und Unterseekabeln, das enorme ökologische Kosten verursacht. Die Vorstellung digitaler Überwachung als immaterieller Prozess verdeckt ihre materiellen Grundlagen:
Jede gespeicherte Bewegung, jede analysierte Interaktion und jede algorithmische Prognose beruht auf physischer Infrastruktur. Michael Klipphahn-Karge zeigt in dem Buch „Bildökologie“ auf, was es den Planeten kostet, wenn er täglich fünf Milliarden Mal mit dem Smartphone fotografiert wird. Dabei geht er auch umfassend auf die physischen Formen des weltweiten Datenverkehrs ein.
„Kl-Algorithmen zu trainieren, die in smarten Digitalanwendungen wie Apps omnipräsent sind, macht sogar noch wesentlich größere Rechenzentren erforderlich, da dafür immer mehr Leistung gebraucht wird: Meta plant deshalb im US-Bundesstaat Louisiana ein Rechenzentrum, das so groß ist wie halb Manhattan. Analysen zufolge könnten solchen Zentren bis 2030 weltweit rund zweieinhalb Milliarden Tonnen Treibhausgase ausstoßen, was einer Verdreifachung gegenüber Szenarien vor der steigenden Kl-Nachfrage entspricht. In den USA ist es schon jetzt so weit: Die CO,-Emissionen von Serverfarmen haben sich seit 2018 verdreifacht, jährlich verursachen sie mittlerweile circa zwei Prozent der nationalen Menge an Treibhausgasen.“ [5]
[5] Michael Klipphahn-Karge: Bildökologie – Digitale Bildkulturen, 1. Auflage, Wagenbach Verlag, 2025
Doch warum überwachen uns unsere scheinbaren Dienstleister überhaupt?
Das primäre Ziel liegt nicht in der Durchsetzung von Recht und Sicherheit, sondern darin, potenzielle Kundinnen und Kunden transparent, berechenbar und vorhersagbar zu machen. Der globale Markt für Datenbroker wurde im Jahr 2021 auf 240,3 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2031 voraussichtlich auf 462,4 Milliarden US-Dollar anwachsen. [6]
[6] https://www.transparencymarketresearch.com/data-brokers-market.html https://de.norton.com/blog/privacy/data-brokers
Datenbroker sind privatwirtschaftliche Unternehmen, die personenbezogene Informationen aus unterschiedlichen Quellen sammeln, zusammenführen, analysieren und weiterverwerten. Dazu zählen Online-Aktivitäten, soziale Medien, Apps, öffentlich zugängliche Register, Kreditkarten- sowie Handels- und Verhaltensdaten, die über Tracking erfasst werden. Diese Informationen werden zusammengeführt, zu Profilen verdichtet und an Dritte verkauft oder lizenziert. Genutzt werden sie vor allem für personalisierte Werbung, Marktanalysen, Risikobewertungen und Prognosen. Besonders Branchen wie Finanzwesen, IT, Gesundheitssektor sowie Investment- und Beteiligungsgesellschaften greifen darauf zurück, um wirtschaftliche Entscheidungen datenbasiert abzusichern.
„In Großbritannien gab Barclays Pläne bekannt, Daten wie Fotos, Tonaufzeichnungen, Kommentare in sozialen Medien und Standortdaten von Mobiltelefon-Apps zu verkaufen. […] Es könnte Ihnen passieren, dass Ihre Blutdruckwerte an Ihre Bank oder Ihre Versicherung gehen und dort zur Bewertung Ihrer Kreditwürdigkeit oder Ihrer Versicherungsrisiken benutzt werden.“ [7]
[7] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014), in: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 42–43
Der Politikwissenschaftler Reg Whitaker betont, dass große Datenbanken ähnlich wie Geheimdienstakten funktionieren: sie werden gezielt angelegt, erweitert und verstärken sich selbst. Anders als staatliche Überwachung betrachten private Betreiber Informationen vor allem als Ware, wodurch bereits die privatwirtschaftliche Datensammlung Strukturen von Kontrolle, Prognose und Verwertbarkeit erzeugt.
„In ihrer Systematik und Zweckbestimmtheit ähneln Datenbanken in gewisser Weise den Akten oder Dossiers von Geheimdiensten und Sicherheitspolizei. Auch diese werden zielgerichtet zusammengestellt und geordnet und sollen einem bestimmten Zweck dienen. Beide können laufend ergänzt und ausgebaut werden. Und noch etwas haben sie gemeinsam: Sie sind auf sich selber rückgekoppelt, das heißt, sie speisen sich aus sich selbst. Je größer und detaillierter die Datenbank oder Akte ist, desto mehr nützliche Informationen liefert sie.
Datenbanken sind den Nachforschungen der Geheimdienste vergleichbar. Je mehr Informationen man sammelt, desto mehr Hinweise ergeben sich, die zu weiteren Quellen führen.[…] Datenbankbetreiber hingegen betrachten ihre Informationen eher als Handelsware, die verkauft werden kann und verkauft werden soll. Hindernisse für eine Vermarktung von Daten werden normalerweise von außen her errichtet: durch Gesetze und Regierungsvorschriften, freiwillige Verhaltensregeln der Industrie und sogar den Wettbewerbsdruck bestimmter Märkte.“ [8]
[8] Reg Whitaker: Das Ende der Privatheit, Überwachung, Macht und soziale Kontrolle im Informationszeitalter, 1. Auflage, Verlag Antje Kunstmann, 1999, hier Seite 155f
Neben der kommerziellen Nutzung digitaler Daten wächst zunehmend auch das Interesse staatlicher Akteure an umfangreichen, privat erhobenen Datenbeständen. In den USA haben Behörden wie Immigration and Customs Enforcement (ICE) Verträge mit Datenbrokern abgeschlossen, um für Ermittlungszwecke auf kommerziell gesammelte Informationen zurückzugreifen. Diese Praxis ermöglicht es staatlichen Stellen, umfassende Daten über Personen zu erhalten, darunter Aufenthaltsorte, Mobilitätsmuster oder andere sensible Informationen, ohne auf klassische Ermittlungsinstrumente oder richterliche Anordnungen angewiesen zu sein. [9]
[9] https://netzpolitik.org/2026/us-einwanderungsbehoerde-mit-palantir-und-paragon-auf-migrantenjagd
Damit verschiebt sich staatliche Überwachung zunehmend in Bereiche, die bislang außerhalb formeller rechtsstaatlicher Verfahren lagen.
Ein Risiko dieser Entwicklung ergibt sich aus dem sogenannten Mosaic-Effekt. Durch die Zusammenführung zahlreicher einzelner Datensätze lassen sich detaillierte Persönlichkeitsprofile erstellen, die weit über das hinausgehen, was isolierte Informationen preisgeben würden. Gerade diese verdichteten Profile sind für Sicherheitsbehörden besonders attraktiv, da sie komplexe Zusammenhänge und Muster sichtbar machen, die sich traditionellen Kontrollmechanismen entziehen. Überwachung erfolgt damit nicht mehr ausschließlich auf Grundlage konkreter Verdachtsmomente, sondern zunehmend durch datenbasierte Wahrscheinlichkeiten und algorithmische Korrelationen. Die Soziologin Shoshana Zuboff beschreibt diese Entwicklung als eine neue Machtkonstellation zwischen Staat und Privatwirtschaft, die jenseits demokratischer Kontrolle operiert:
„Man benutzt Technologie als trojanisches Pferd eines bislang noch kaum verstandenen Joint Ventures zwischen staatlichen und privaten Institutionen, das eine beispiellose Macht über die Information gewährleistet. Dieser Machtblock operiert jenseits der Kontrolle durch uns als Bürger und Konsumenten. Ich bezeichne ihn als militärisch-informationellen Komplex, weil er seine Macht aus der Produktion und dem Einsatz neuer, wie ich es nennen möchte, »Massenausforschungswaffen« bezieht, die aus Daten und dem technischen Apparat zu deren Erwerb, Analyse und Speicherung bestehen.“ [7]
[7] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014), in: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 42–43
Zuboff verweist zudem auf die enge Verflechtung von Geheimdiensten und Technologieunternehmen im Kontext globaler Sicherheitsstrategien und beschreibt, wie digitale Infrastrukturen zunehmend militärisch und geheimdienstlich nutzbar gemacht werden:
„Dann folgten fieberhafte Bemühungen um die Entwicklung der ausgeklügeltsten Waffen. Der einzige Unter schied zum vergangenen Jahrhundert liegt darin, dass die Waffen heute aus Daten und den Techniken ihrer Analyse und Kontrolle bestehen. Die NSA und andere Geheimdienste haben unsere Daten im »Krieg gegen den Terror« zu Waffen gemacht. […] Silicon Valley sollte dabei ein Verbündeter, eine Zielscheibe oder beides zugleich sein.“ [7]
[7] Die neuen Massenforschungswaffen (13. Februar 2014), in: Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte, herausgegeben von Frank Schirrmacher, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, 2015, Seite 42–43
Diese Entwicklung zeigt sich exemplarisch im Einsatz algorithmischer Analyseplattformen im polizeilichen und sicherheitspolitischen Kontext. Ein zentrales Beispiel ist die Softwareplattform Gotham des US-Unternehmens Palantir Technologies. Palantir zählt zu den einflussreichsten Anbietern staatlicher Datenanalyse und unterhält enge Beziehungen zu militärischen, geheimdienstlichen und polizeilichen Institutionen in den USA und Europa.
Gotham ist eine datenanalytische Plattform, die große Mengen heterogener Daten aus unterschiedlichen Quellen in einem zentralen System zusammenführt, darunter polizeiliche Datenbanken, Kommunikations- und Telefondaten, Sozial- und Bewegungsdaten, Finanztransaktionen sowie Informationen aus sozialen Medien und öffentlich zugänglichen Online-Quellen. Mithilfe von Mustererkennung, Netzwerk- und Graphanalyse sowie teilweise künstlicher Intelligenz werden Verbindungen zwischen Einzeldaten sichtbar gemacht und verdeckte Zusammenhänge identifiziert. [10]
[10] https://vernetztesicherheit.de/palantir-software-background-and-description/ – 20.01.2026
Ermittlerinnen und Ermittler können so in kurzer Zeit komplexe Beziehungsgeflechte zwischen Personen, Orten und Ereignissen analysieren, die mit klassischen Ermittlungsansätzen kaum erkennbar wären. In Deutschland ist Palantirs Technologie seit mehreren Jahren bei verschiedenen Landespolizeien im Einsatz, häufig unter eigenen Bezeichnungen. In Bayern wird sie unter dem Namen VeRA (Verfahrensübergreifende Recherche- und Analyseplattform) genutzt, in Hessen unter der Bezeichnung HessenData. Der Einsatz wird vor allem im Zusammenhang mit Terrorismusbekämpfung und organisierter Kriminalität legitimiert. Problematisch ist jedoch, dass die Software auch Profile von Personen erstellt, die lediglich als Zeuginnen, Kontaktpersonen oder unbeteiligte Dritte in polizeilichen Datenbanken erfasst sind.
Damit geraten potenziell Menschen in den Fokus staatlicher Analyseprozesse, ohne jemals eine Straftat begangen zu haben oder davon zu erfahren. Hinzu kommt die mangelnde Transparenz dieser Software. Die genaue Funktionsweise der Algorithmen ist nicht öffentlich bekannt und unterliegt dem Geschäftsgeheimnis des Unternehmens. Palantir entsendet eigenes Personal in deutsche Behörden, um Betrieb und Wartung zu übernehmen. Dadurch wird eine unabhängige demokratische Kontrolle erheblich erschwert, da unternehmensfremde Akteure potenziell Zugriff auf umfangreiche Datensätze, wie die von etwa 30 Millionen deutschen erhalten. [11]
[11] https://www.campact.de/blog/2025/07/palantir-software-gotham-vera-thiel-polizei/ – 20.01.2026
https://prism.sustainability-directory.com/scenario/algorithmic-transparency-in-smart-governance-systems – 20.01.2026
Besonders problematisch ist der Umgang mit Datenschutz und rechtsstaatlichen Prinzipien. Anders als klassische Ermittlungsarbeit, die auf konkreten Verdachtsmomenten beruht, arbeiten algorithmische Systeme mit Wahrscheinlichkeiten. Verdacht entsteht dabei nicht mehr aus einem bestimmten Verhalten, sondern aus statistischer Nähe zu Merkmalen, Kontakten oder Mustern. Menschen geraten ins Visier staatlicher Überwachung, weil sie rechnerisch mit anderen Personen, Orten oder Ereignissen in Verbindung gebracht werden. Dadurch verschiebt sich der Fokus staatlicher Kontrolle: Nicht tatsächliche Taten stehen im Mittelpunkt, sondern mögliche Risiken.
Da diese Systeme auf bestehenden Daten aufbauen, übernehmen sie auch die Vorurteile und Ungleichheiten, die in diesen Daten enthalten sind. Polizeiliche Daten sind nicht neutral, sondern zeigen, welche Gruppen häufiger kontrolliert oder erfasst werden. Werden solche Daten automatisiert ausgewertet, besteht die Gefahr, dass Diskriminierung weiter verstärkt wird. Der Einsatz algorithmischer Überwachung ist deshalb nicht nur ein Problem des Datenschutzes, sondern auch der Demokratie. Wenn staatliche Entscheidungen auf intransparenten technischen Systemen beruhen, können Betroffene nicht nachvollziehen, wie sie zustande kommen, und sich kaum dagegen wehren. Die Verantwortung staatlichen Handelns wird dabei zunehmend auf technische Systeme verschoben, während zentrale Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Legitimation weiter schwinden.
Überwachung wird oft als Sicherheit verkauft, dabei ist sie nie neutral. Sie entsteht aus bestehenden Machtverhältnissen, bildet diese ab und verstärkt sie. Überwacht wird, wer abhängig, sichtbar oder angreifbar ist: Menschen, die widersprechen, sich organisieren oder sich nicht einfach entziehen können. Digitale Überwachung speichert, verknüpft und bewertet heute, was früher soziale Kontrolle war. Polizeigesetze, Gesichtserkennung oder die Kriminalisierung von Protesten zeigen: Es geht nicht um neutrale Sicherheit, sondern um die Absicherung bestehender Machtverhältnisse.
Überwachung beginnt nicht erst beim Staat, sondern im Alltag, bei Arbeit, Organisation und politischer Sichtbarkeit. Ziel ist nicht völlige Unsichtbarkeit, sondern die Freiheit, sich bewegen und teilhaben zu können, ohne alles preiszugeben. Wird totale Erfassung normal, wird somit private Unsichtbarkeit zur Voraussetzung für politische Handlungsmacht. Wo Überwachung normalisiert wird, normalisiert sich Repression.
Credits
Fotos: Apple Data Center, Screenshot: Google Earth © Google, 2026
Text: Milan Schmidt