Lilly F. Köpke | 30. Januar 2025 | Lesedauer 13min
Als mir die Bilder zum ersten Mal auffielen, standen sie fein säuberlich in Luftpolsterfolie eingepackt in Alex‘ WG-Zimmer im Studierendenwohnheim mit der Aufschrift „‘Unser täglich Gift‘ fürs Naturkundemuseum von Alexander Hidic“. Ich fragte mich, was denn der verborgene Inhalt preisgeben würde und auf welches biblische Gift hier angespielt wurde. Ich traute mich aber nicht zu fragen.
So wurde das Rätsel des Giftes erst gelöst, als ich Alex‘ Ausstellung in Berlin besuchte, in der genau diese Bilder gezeigt wurden. Eine Interviewstunde später war ich eingeweiht in die tiefen Abgründe von Insektensterben, Glyphosat und Neonicotinoiden, wie sie die Welt verändern und was das alles mit uns Menschen zu tun hat.

L: Hallo, Alex. Wir werden heute über deine wunderschöne Serie „Unser täglich Gift“ reden. Meine erste Frage ist, wie bist du überhaupt auf das Thema gekommen?
A: Wir hatten einen Kurs bei Felix Dobbert, der für kurze Zeit an der HSBI doziert und den Kurs „Stillleben“ gegeben hat. Wir haben verschiedene Stillleben aufgenommen; ich habe verschiedene Sachen ausprobiert, habe versucht, ein herauszufinden, in welche Richtung ich mit der Prüfung gehen will, wohin ich mich hin entwickeln möchte. Ich wollte halt nicht dieses klassische Stillleben-Gedöns machen: Vase, Essen, tote Menschen. Deswegen habe ich mich an dem orientiert, was ich mag. Und das sind Naturwissenschaften. Ich bin ein großer Freund der Paläontologie, ich liebe Zoologie und beschäftige mich sehr viel mit Informationen zu Klimatologie, Wetterwissenschaften, Astronomie. Sachen, die halt damit zu tun haben, wie unsere Welt funktioniert. Und eine der Sachen, die mir am meisten Sorgen macht, ist das derzeitig stattfindende Insektensterben. Es ist ein Massensterben und dieses Massensterben ist eine große Gefahr für unser Ökosystem. Neben dem Klimawandel.
L: Wie lief dann dein Schaffensprozess ab?
A: Ich hatte dann die Idee: Okay, ich kombiniere ein Vanitas Stillleben mit toten Insekten. Ich kombiniere das mit Giften. Natürlich konnte ich keine echten Gifte nehmen, weil sie entweder farblos sind, gasförmig, an Salze gebunden oder unspektakulär. Also habe ich mich z.B. auf so Sachen wie Spülmittel verlegt, um dem Ganzen so eine klinische Reinheit zu geben. Dieses Farbige, Schleimige und Texturlose auf der einen und die krass detaillierten mini-Insekten auf der anderen Seite. Danach habe ich zwei Monate lang tote Insekten gesammelt in der FH, aus den Ritzen, Ecken und Fugen. Ich habe verschiedene Versuche gemacht. Langsam hat es sich dann entwickelt, in welche Richtung ich gehen möchte und was ich sehen will. Geblieben sind am Ende zwei unterschiedliche Typen von Fotografien: Das eine sind sehr schleimige, detaillierte Sachen, bei denen man zum Beispiel einen Abfluss sieht mit Fliegenflügeln und dann fließt dieses Gift in Richtung dieser Flügel. Das andere sind eher Charakterporträts von einzelnen Tieren, Aufnahmen, die sehr nah an die Tiere heran gehen. Wie die Motte oder die Stubenfliege in diesem Rohrreiniger-Behältnis. Hier geht es mehr um die Details und das Tier selbst. Die sind schon fast eine Art Charakterstudie, eine Auseinandersetzung mit dem Tier.
L: Also stand im Grunde das Konzept schon, bevor du angefangen hast zu fotografieren. Du wolltest Gift in Form von Reinigern darstellen und tote Insekten. Dann hast du ausprobiert, was „schön“ aussah?
A: Genau. Wobei, erst habe mich weniger auf „Schön“ konzentriert als vielmehr auf Aussagekraft. Dass die Bilder von sich aus das vermitteln, was ich sagen will. Mir war schnell klar, dass das Thema zu komplex sein würde, um es einfach nur auf den Bildern beruhen zu lassen. Deswegen habe ich mich dann auch entschieden, vor der Prüfung noch einen sehr langen Text zu schreiben.



L: Was hast du während der Recherche herausgefunden?
A: Im Rechercheprozess habe ich erst erfahren, wie schlimm die Situation überhaupt ist. Ich wusste bereits vorher, dass es Insektensterben gibt und dass das ein massives Problem ist. Aber die Zahlen und die Statistiken, die habe ich erst bei der Recherche gefunden. Ich habe sie ich mir auch noch mal von einem Entomologen aus Stuttgart bestätigen lassen, damit ich auch sicher bin, dass ich das, was ich da schreibe auch richtig mache und korrekt angebe. Und es ist erschreckend, wirklich erschreckend. Ein Fingerhut voll Glyphosat sterilisiert einen kompletten Acker.
L: Für wie lange?
A: Lange. Das Zeug sickert in den Boden, bleibt im Grundwasser, wächst in den Pflanzen. Es vergiftet wahrscheinlich über 100, 200, vielleicht 1000 Jahre den Boden. Und jedes Jahr wird neues Zeug drauf gepackt. Die Masse an Giften, die wir verbrauchen, ist enorm. Die bräuchten wir gar nicht. Und ich will gar nicht wissen, wo das Zeug noch landet, wenn es im Grundwasser endet. Alle sagen: „Ach ja, das tut den Menschen nichts und das ist ein reines Insektengift“. Bullshit! Ich glaube, die Generation Y ist mit eine der vergiftetsten Generationen seit Anfang der Messungen im Jahr 1900. Also wir können uns praktisch mit den Menschen vergleichen, die sich selbst mit Arsen und Blei vergiftet haben, um schön auszusehen, weil es im Make-up war. Wir stehen am Ende viel schlimmer da. Arsen und Blei sind giftig und schlimm. Aber wir haben Mikroplastik im Blut. Wir haben PFAs im Kreislauf. PFAs, das sind die Beschichtungsmittel für Pfannen und Töpfe. Wir fressen den Mist. Wir haben den in uns. Und wenn du dann dein Gemüse von einem Acker beziehst, der mit Schweinegülle bespritzt wird, von Schweinen, die den ganzen Tag nichts anderes fressen als irgendwelches Superfood, damit sie schneller wachsen und gleichzeitig Antibiotika bekommen, damit sie nicht krank werden und eingehen– …
Wir glauben zwar, dass wir dadurch, dass wir in unseren Städten leben, unsere Wohnungen haben, von der Natur abgekapselt sind, dass wir uns von diesem gesamten System abgekoppelt haben. Haben wir aber nicht. Im Grunde haben wir uns noch viel, viel verletzlicher gemacht, weil wir nichts mehr mit der Natur zu tun haben. Kurz gesagt ist die Aussage folgende: Wir vergiften unsere Umwelt. Punkt.
L: Das ist wirklich schrecklich.
A: Ich möchte das noch ein bisschen weiter ausführen: Es ist so, dass wir in unserer Landwirtschaft und für unser Wohlergehen unfassbar viele Gifte verwenden. Zum Teil damit unsere Früchte und Nahrungsmittel „schön“ sind, aber auch um den Ertrag und die Masse an Nahrungsmitteln zu steigern und um Pflanzen, die wir nicht wollen, zu reduzieren oder Pilze oder „Schädlinge“. [1]
[1} Alexander Hidic: Schädlinge in Anführungszeichen, denn Schädlinge gibt es per se eigentlich nicht. Sind halt Tiere wie alle anderen auch. Nur für uns sind sie halt Antagonisten.
Das Problem an der ganzen Geschichte ist, dass wenn wir diese Schädlinge entfernen, entfernen wir damit auch die Grundnahrungsmittel von diversen anderen Tierarten, die auf diese Insekten angewiesen sind, wie z.B. einige Singvögel. Wir haben ein gewaltiges Singvogelsterben, was direkt mit dem Insektensterben zusammenhängt. Sterben die Insekten aus, sterben die Vögel aus. Sterben die Vögel aus, sterben kleinere Säugetiere aus, die sich von Vögeln ernähren. Katzen zum Beispiel, die auch sehr mit Singvogelsterben zu tun haben, aber auch größere Vogelarten. Greifvogelarten, Eulen werden aussterben, was dazu führt, dass die Tiere, die von Eulen und Greifvögeln gejagt werden – wie Ratten oder Waschbären – sich plötzlich exponentiell vermehren, die ernähren sich von Müll, unserem Unrat. Das sorgt dafür, dass wir hier immer häufiger mit Seuchen zu kämpfen haben. All das hat einen gewaltigen Rattenschwanz, den keiner sehen will. Alle blenden das aus und kippen einfach weiter Glyphosat und Neonicotinoide [2] auf die Äcker und meinen dann: „aus den Augen, aus dem Sinn“.
[2} Neonocotinoide sind synthetisch hergestellte Pflanzenschutzmittel, die über Samen/Blätter von Pflanzen aufgenommen werden und die Nikotinrezeptoren von Insekten schädigen, was sie tötet. (Definition nach https://www.dwds.de/wb/Neonikotinoid)
Wenn du Insekten oder eine andere Tierpopulation schwächst und die ganze Zeit mit Giften zumüllst, dann ist das, als würdest du die ganze Zeit nur Junkfood essen. Dein Immunsystem wird zerstört und das ist mit staatenbildenden Insekten ja auch so, die sind ja nichts anderes als ein riesen großer Organismus. Wenn du die ganze Zeit vergiftest, ist es kein Wunder, wenn Milben und Krankheiten und Pilze ohne Ende kommen.
L: Es ist eben alles miteinander verbunden.
A: Es hängt alles miteinander zusammen. Wenn wir die Basis wegnehmen, dann bricht alles ab, bis hoch zur Spitze. Und wir sind halt momentan die Spitze dieser Pyramide. Damit sind wir zwar die Apex-Prädatoren auf diesem Planeten, also die herrschende, jagende karnivore Tierart, aber gleichzeitig sind wir auch die vulnerabelste.

L: Was meinst du, was wären Lösungsvorschläge?
A: Lösungsvorschläge? Staatliche Regulierungen. Und zwar gewaltige. Wirtschaft ist gut. Wir kriegen dadurch Geld und Wohlstand, etc. pp. Aber es darf nicht auf Kosten von Natur, Umwelt und den Menschen gehen. Also eigentlich kann man da nur sagen: „überdenken wir mal den Kapitalismus“, denn deswegen geht gerade die komplette Menschheit, inklusive des gesamten Ökosystems Erde zu Grunde. Und eigentlich ist das ein Verbrechen, denn wir sind momentan auf der einzigen Kugel im Weltall, die Leben tragen kann.
L: Meinst du denn, es gibt für uns normale Menschen etwas, was wir tun könnten?
A: Protestieren. So lange, bis jemand zuhört. Wir können nichts anderes tun, als auf die Straße gehen. Wir können hingehen und versuchen, Politiker zu wählen, die unsere Interessen vertreten. Der Punkt ist: Geht denen auf den Sack, schreibt deren Vertreter:innen an. Beschwert euch! Macht aufmerksam; „Okay, Politik, mach was. Überdenkt euer Wirtschaftssystem, so geht es nicht weiter.“ Mehr geht nicht.
Ich meine, das Insektensterben ist nur ein winzig kleiner Bruchteil von all den ganzen Dingen, die uns gerade richtig hart „in den Arsch treten“. Es ist verblüffend, wie krass die Menschheit dabei ist, das einfach auszublenden.
L: Aber es gibt doch noch Menschen, die versuchen, das anders anzugehen.
A: Aber es sind so wenig und das ist das, was ich schade finde. Deswegen habe ich diese Fotoserie gemacht. Damit mal ein bisschen Leute in der Öffentlichkeit das sehen. Ihr streitet euch die ganze Zeit darüber, dass die Polkappen schmelzen. Wir sind wahrscheinlich eher tot. Also, bevor Grönland kein Eis mehr hat, sind wir wahrscheinlich schon ausgestorben, weil wir nichts mehr zu essen haben. In China müssen die Menschen, sogenannte Billiglohnsklaven, Blumen bestäuben, weil es keine Bienen mehr gibt wegen des ganzen Smogs. Das sind keine schönen Themen, über die wir reden und meine Ansichten dazu sind auch ziemlich hart und vielleicht auch sehr pessimistisch, das weiß ich. Man kann da bestimmt auch optimistisch rangehen. Ich sehe halt absolut kein Interesse von Seiten der Mächtigen und Reichen, sich dieser Probleme anzunehmen. Und das ist unfassbar schade.
L: Okay, noch eine schöne Frage, weil deine Bilder jetzt schon zweimal in Ausstellungen waren, nicht wahr? Möchtest du kurz sagen, in welchen und wie das dazu gekommen ist?
A: Also die Bilder lagen erst einmal ein Jahr oder zwei in der Schublade, also auf meiner Festplatte und nichts ist passiert. Bis ich gesehen habe, dass im Naturkundemuseum Bielefeld, im NAMU, eine Insektenausstellung geplant war und das Thema „facettenreiche Insekten“ war. Das war eine Wanderausstellung und ich dachte mir, ich frag mal, vielleicht können die meine Bilder gebrauchen. Ich hatte mit einem „Nein“ gerechnet. Tatsächlich hat man zugestimmt. Ich habe die Bilder hingebracht, sie wurden aufgehängt und dann hingen sie ein halbes Jahr da und das war ganz schön.
L: Und die zweite Ausstellung?
A: Da hat mich eine Freundin darauf aufmerksam gemacht, die in Berlin wohnt und die hat gesagt: „Hey, guck mal, da ist so eine Kunstgalerie und die suchen für so einen Vorraum für einen Konzertsaal eine Fotoserie.“ Ich habe denen geschrieben und habe gesagt: „Hey Leute, ich hätte da was. Das ist ab Herbst 2024 wieder zurück aus einer Museumsausstellung und das könnte ich direkt an Euch schicken.“ Und das kam dann zustande. Ich hoffe, dass die Serie auch noch häufiger zu sehen sein wird, vornehmlich in Naturkundemuseen. Ich fände das tatsächlich ziemlich gut. Das eignet sich sehr gut für Sonderausstellungen mit Insekten. Mein Plan ist jetzt, mal auf die größeren Museen zuzugehen und zu fragen, „Hey Senckenberg, hey Stuttgart, hey Berlin, Humboldt und Löwentor, wie sieht es bei euch aus? Hättet ihr Interesse? Wollt ihr das zeigen?“ Dann liegen die Bilder nämlich nicht in meinem WG-Zimmer rum, weil sie ja schon echt groß und sperrig sind.
L: Das klingt doch gut. Auf jeden Fall geht es weiter und wir werden hoffentlich diese Serie dann noch in anderen Museen ausgestellt finden!

Credits
Fotos: Alexander Hidic
Text: Lilly F. Köpke
Verlinkungen:
https://www.alexanderhidic.com/
Lilly F. Köpke
30. Januar 2025
Lesedauer 13min
Als mir die Bilder zum ersten Mal auffielen, standen sie fein säuberlich in Luftpolsterfolie eingepackt in Alex‘ WG-Zimmer im Studierendenwohnheim mit der Aufschrift „‘Unser täglich Gift‘ fürs Naturkundemuseum von Alexander Hidic“. Ich fragte mich, was denn der verborgene Inhalt preisgeben würde und auf welches biblische Gift hier angespielt wurde. Ich traute mich aber nicht zu fragen.
So wurde das Rätsel des Giftes erst gelöst, als ich Alex‘ Ausstellung in Berlin besuchte, in der genau diese Bilder gezeigt wurden. Eine Interviewstunde später war ich eingeweiht in die tiefen Abgründe von Insektensterben, Glyphosat und Neonicotinoiden, wie sie die Welt verändern und was das alles mit uns Menschen zu tun hat.

L: Hallo, Alex. Wir werden heute über deine wunderschöne Serie „Unser täglich Gift“ reden. Meine erste Frage ist, wie bist du überhaupt auf das Thema gekommen?
A: Wir hatten einen Kurs bei Felix Dobbert, der für kurze Zeit an der HSBI doziert und den Kurs „Stillleben“ gegeben hat. Wir haben verschiedene Stillleben aufgenommen; ich habe verschiedene Sachen ausprobiert, habe versucht, ein herauszufinden, in welche Richtung ich mit der Prüfung gehen will, wohin ich mich hin entwickeln möchte. Ich wollte halt nicht dieses klassische Stillleben-Gedöns machen: Vase, Essen, tote Menschen. Deswegen habe ich mich an dem orientiert, was ich mag. Und das sind Naturwissenschaften. Ich bin ein großer Freund der Paläontologie, ich liebe Zoologie und beschäftige mich sehr viel mit Informationen zu Klimatologie, Wetterwissenschaften, Astronomie. Sachen, die halt damit zu tun haben, wie unsere Welt funktioniert. Und eine der Sachen, die mir am meisten Sorgen macht, ist das derzeitig stattfindende Insektensterben. Es ist ein Massensterben und dieses Massensterben ist eine große Gefahr für unser Ökosystem. Neben dem Klimawandel.
L: Wie lief dann dein Schaffensprozess ab?
A: Ich hatte dann die Idee: Okay, ich kombiniere ein Vanitas Stillleben mit toten Insekten. Ich kombiniere das mit Giften. Natürlich konnte ich keine echten Gifte nehmen, weil sie entweder farblos sind, gasförmig, an Salze gebunden oder unspektakulär. Also habe ich mich z.B. auf so Sachen wie Spülmittel verlegt, um dem Ganzen so eine klinische Reinheit zu geben. Dieses Farbige, Schleimige und Texturlose auf der einen und die krass detaillierten mini-Insekten auf der anderen Seite. Danach habe ich zwei Monate lang tote Insekten gesammelt in der FH, aus den Ritzen, Ecken und Fugen. Ich habe verschiedene Versuche gemacht. Langsam hat es sich dann entwickelt, in welche Richtung ich gehen möchte und was ich sehen will. Geblieben sind am Ende zwei unterschiedliche Typen von Fotografien: Das eine sind sehr schleimige, detaillierte Sachen, bei denen man zum Beispiel einen Abfluss sieht mit Fliegenflügeln und dann fließt dieses Gift in Richtung dieser Flügel. Das andere sind eher Charakterporträts von einzelnen Tieren, Aufnahmen, die sehr nah an die Tiere heran gehen. Wie die Motte oder die Stubenfliege in diesem Rohrreiniger-Behältnis. Hier geht es mehr um die Details und das Tier selbst. Die sind schon fast eine Art Charakterstudie, eine Auseinandersetzung mit dem Tier.
L: Also stand im Grunde das Konzept schon, bevor du angefangen hast zu fotografieren. Du wolltest Gift in Form von Reinigern darstellen und tote Insekten. Dann hast du ausprobiert, was „schön“ aussah?
A: Genau. Wobei, erst habe mich weniger auf „Schön“ konzentriert als vielmehr auf Aussagekraft. Dass die Bilder von sich aus das vermitteln, was ich sagen will. Mir war schnell klar, dass das Thema zu komplex sein würde, um es einfach nur auf den Bildern beruhen zu lassen. Deswegen habe ich mich dann auch entschieden, vor der Prüfung noch einen sehr langen Text zu schreiben.



L: Was hast du während der Recherche herausgefunden?
A: Im Rechercheprozess habe ich erst erfahren, wie schlimm die Situation überhaupt ist. Ich wusste bereits vorher, dass es Insektensterben gibt und dass das ein massives Problem ist. Aber die Zahlen und die Statistiken, die habe ich erst bei der Recherche gefunden. Ich habe sie ich mir auch noch mal von einem Entomologen aus Stuttgart bestätigen lassen, damit ich auch sicher bin, dass ich das, was ich da schreibe auch richtig mache und korrekt angebe. Und es ist erschreckend, wirklich erschreckend. Ein Fingerhut voll Glyphosat sterilisiert einen kompletten Acker.
L: Für wie lange?
A: Lange. Das Zeug sickert in den Boden, bleibt im Grundwasser, wächst in den Pflanzen. Es vergiftet wahrscheinlich über 100, 200, vielleicht 1000 Jahre den Boden. Und jedes Jahr wird neues Zeug drauf gepackt. Die Masse an Giften, die wir verbrauchen, ist enorm. Die bräuchten wir gar nicht. Und ich will gar nicht wissen, wo das Zeug noch landet, wenn es im Grundwasser endet. Alle sagen: „Ach ja, das tut den Menschen nichts und das ist ein reines Insektengift“. Bullshit! Ich glaube, die Generation Y ist mit eine der vergiftetsten Generationen seit Anfang der Messungen im Jahr 1900. Also wir können uns praktisch mit den Menschen vergleichen, die sich selbst mit Arsen und Blei vergiftet haben, um schön auszusehen, weil es im Make-up war. Wir stehen am Ende viel schlimmer da. Arsen und Blei sind giftig und schlimm. Aber wir haben Mikroplastik im Blut. Wir haben PFAs im Kreislauf. PFAs, das sind die Beschichtungsmittel für Pfannen und Töpfe. Wir fressen den Mist. Wir haben den in uns. Und wenn du dann dein Gemüse von einem Acker beziehst, der mit Schweinegülle bespritzt wird, von Schweinen, die den ganzen Tag nichts anderes fressen als irgendwelches Superfood, damit sie schneller wachsen und gleichzeitig Antibiotika bekommen, damit sie nicht krank werden und eingehen– …
Wir glauben zwar, dass wir dadurch, dass wir in unseren Städten leben, unsere Wohnungen haben, von der Natur abgekapselt sind, dass wir uns von diesem gesamten System abgekoppelt haben. Haben wir aber nicht. Im Grunde haben wir uns noch viel, viel verletzlicher gemacht, weil wir nichts mehr mit der Natur zu tun haben. Kurz gesagt ist die Aussage folgende: Wir vergiften unsere Umwelt. Punkt.
L: Das ist wirklich schrecklich.
A: Ich möchte das noch ein bisschen weiter ausführen: Es ist so, dass wir in unserer Landwirtschaft und für unser Wohlergehen unfassbar viele Gifte verwenden. Zum Teil damit unsere Früchte und Nahrungsmittel „schön“ sind, aber auch um den Ertrag und die Masse an Nahrungsmitteln zu steigern und um Pflanzen, die wir nicht wollen, zu reduzieren oder Pilze oder „Schädlinge“. [1]
[1} Alexander Hidic: Schädlinge in Anführungszeichen, denn Schädlinge gibt es per se eigentlich nicht. Sind halt Tiere wie alle anderen auch. Nur für uns sind sie halt Antagonisten.
Das Problem an der ganzen Geschichte ist, dass wenn wir diese Schädlinge entfernen, entfernen wir damit auch die Grundnahrungsmittel von diversen anderen Tierarten, die auf diese Insekten angewiesen sind, wie z.B. einige Singvögel. Wir haben ein gewaltiges Singvogelsterben, was direkt mit dem Insektensterben zusammenhängt. Sterben die Insekten aus, sterben die Vögel aus. Sterben die Vögel aus, sterben kleinere Säugetiere aus, die sich von Vögeln ernähren. Katzen zum Beispiel, die auch sehr mit Singvogelsterben zu tun haben, aber auch größere Vogelarten. Greifvogelarten, Eulen werden aussterben, was dazu führt, dass die Tiere, die von Eulen und Greifvögeln gejagt werden – wie Ratten oder Waschbären – sich plötzlich exponentiell vermehren, die ernähren sich von Müll, unserem Unrat. Das sorgt dafür, dass wir hier immer häufiger mit Seuchen zu kämpfen haben. All das hat einen gewaltigen Rattenschwanz, den keiner sehen will. Alle blenden das aus und kippen einfach weiter Glyphosat und Neonicotinoide [2] auf die Äcker und meinen dann: „aus den Augen, aus dem Sinn“.
[2} Neonocotinoide sind synthetisch hergestellte Pflanzenschutzmittel, die über Samen/Blätter von Pflanzen aufgenommen werden und die Nikotinrezeptoren von Insekten schädigen, was sie tötet. (Definition nach https://www.dwds.de/wb/Neonikotinoid)
Wenn du Insekten oder eine andere Tierpopulation schwächst und die ganze Zeit mit Giften zumüllst, dann ist das, als würdest du die ganze Zeit nur Junkfood essen. Dein Immunsystem wird zerstört und das ist mit staatenbildenden Insekten ja auch so, die sind ja nichts anderes als ein riesen großer Organismus. Wenn du die ganze Zeit vergiftest, ist es kein Wunder, wenn Milben und Krankheiten und Pilze ohne Ende kommen.
L: Es ist eben alles miteinander verbunden.
A: Es hängt alles miteinander zusammen. Wenn wir die Basis wegnehmen, dann bricht alles ab, bis hoch zur Spitze. Und wir sind halt momentan die Spitze dieser Pyramide. Damit sind wir zwar die Apex-Prädatoren auf diesem Planeten, also die herrschende, jagende karnivore Tierart, aber gleichzeitig sind wir auch die vulnerabelste.

L: Was meinst du, was wären Lösungsvorschläge?
A: Lösungsvorschläge? Staatliche Regulierungen. Und zwar gewaltige. Wirtschaft ist gut. Wir kriegen dadurch Geld und Wohlstand, etc. pp. Aber es darf nicht auf Kosten von Natur, Umwelt und den Menschen gehen. Also eigentlich kann man da nur sagen: „überdenken wir mal den Kapitalismus“, denn deswegen geht gerade die komplette Menschheit, inklusive des gesamten Ökosystems Erde zu Grunde. Und eigentlich ist das ein Verbrechen, denn wir sind momentan auf der einzigen Kugel im Weltall, die Leben tragen kann.
L: Meinst du denn, es gibt für uns normale Menschen etwas, was wir tun könnten?
A: Protestieren. So lange, bis jemand zuhört. Wir können nichts anderes tun, als auf die Straße gehen. Wir können hingehen und versuchen, Politiker zu wählen, die unsere Interessen vertreten. Der Punkt ist: Geht denen auf den Sack, schreibt deren Vertreter:innen an. Beschwert euch! Macht aufmerksam; „Okay, Politik, mach was. Überdenkt euer Wirtschaftssystem, so geht es nicht weiter.“ Mehr geht nicht.
Ich meine, das Insektensterben ist nur ein winzig kleiner Bruchteil von all den ganzen Dingen, die uns gerade richtig hart „in den Arsch treten“. Es ist verblüffend, wie krass die Menschheit dabei ist, das einfach auszublenden.
L: Aber es gibt doch noch Menschen, die versuchen, das anders anzugehen.
A: Aber es sind so wenig und das ist das, was ich schade finde. Deswegen habe ich diese Fotoserie gemacht. Damit mal ein bisschen Leute in der Öffentlichkeit das sehen. Ihr streitet euch die ganze Zeit darüber, dass die Polkappen schmelzen. Wir sind wahrscheinlich eher tot. Also, bevor Grönland kein Eis mehr hat, sind wir wahrscheinlich schon ausgestorben, weil wir nichts mehr zu essen haben. In China müssen die Menschen, sogenannte Billiglohnsklaven, Blumen bestäuben, weil es keine Bienen mehr gibt wegen des ganzen Smogs. Das sind keine schönen Themen, über die wir reden und meine Ansichten dazu sind auch ziemlich hart und vielleicht auch sehr pessimistisch, das weiß ich. Man kann da bestimmt auch optimistisch rangehen. Ich sehe halt absolut kein Interesse von Seiten der Mächtigen und Reichen, sich dieser Probleme anzunehmen. Und das ist unfassbar schade.
L: Okay, noch eine schöne Frage, weil deine Bilder jetzt schon zweimal in Ausstellungen waren, nicht wahr? Möchtest du kurz sagen, in welchen und wie das dazu gekommen ist?
A: Also die Bilder lagen erst einmal ein Jahr oder zwei in der Schublade, also auf meiner Festplatte und nichts ist passiert. Bis ich gesehen habe, dass im Naturkundemuseum Bielefeld, im NAMU, eine Insektenausstellung geplant war und das Thema „facettenreiche Insekten“ war. Das war eine Wanderausstellung und ich dachte mir, ich frag mal, vielleicht können die meine Bilder gebrauchen. Ich hatte mit einem „Nein“ gerechnet. Tatsächlich hat man zugestimmt. Ich habe die Bilder hingebracht, sie wurden aufgehängt und dann hingen sie ein halbes Jahr da und das war ganz schön.
L: Und die zweite Ausstellung?
A: Da hat mich eine Freundin darauf aufmerksam gemacht, die in Berlin wohnt und die hat gesagt: „Hey, guck mal, da ist so eine Kunstgalerie und die suchen für so einen Vorraum für einen Konzertsaal eine Fotoserie.“ Ich habe denen geschrieben und habe gesagt: „Hey Leute, ich hätte da was. Das ist ab Herbst 2024 wieder zurück aus einer Museumsausstellung und das könnte ich direkt an Euch schicken.“ Und das kam dann zustande. Ich hoffe, dass die Serie auch noch häufiger zu sehen sein wird, vornehmlich in Naturkundemuseen. Ich fände das tatsächlich ziemlich gut. Das eignet sich sehr gut für Sonderausstellungen mit Insekten. Mein Plan ist jetzt, mal auf die größeren Museen zuzugehen und zu fragen, „Hey Senckenberg, hey Stuttgart, hey Berlin, Humboldt und Löwentor, wie sieht es bei euch aus? Hättet ihr Interesse? Wollt ihr das zeigen?“ Dann liegen die Bilder nämlich nicht in meinem WG-Zimmer rum, weil sie ja schon echt groß und sperrig sind.
L: Das klingt doch gut. Auf jeden Fall geht es weiter und wir werden.

Credits
Fotos: Alexander Hidic
Text: Lilly F. Köpke
Verlinkungen:
https://www.alexanderhidic.com/